S C H I L L E R

L E B T

F R I E D R I C H   S C H I L L E R
Homer: Ilias, 1. Gesang, Vers 148-222: Achills Zorn auf Agamemnon
Im ersten Gesang der Ilias entfaltet sich das Thema des Epos: Im Heer der Troia belagernden Griechen wütet die Pest, was der Seher Kalchas auf den Zorn Apolls zurückführt: Agamemnon habe den Apollon-Priester Chryses beleidigt, indem er ihm die Tochter vorenthält. Agamemnon zürnt dem Achilleus, weil dieser ihn durch Kalchas auffordert, das Mädchen Chryse´s freizugeben, und fordert als "Ersatz" Achilles' Ehrengeschenk, des Brises Tochter.

Finster schaut' und begann der mutige Renner Achilleus:
Ha, du in Unverschämtheit gehülleter, sinnend auf Vorteil!
Wie doch gehorcht dir willig noch einer im Heer der Achaier,
Einen Gang dir zu gehn, und kühn mit dem Feinde zu kämpfen?
Nicht ja wegen der Troer, der lanzenkundigen, kam ich
Mit hieher in den Streit; sie haben's an mir nicht verschuldet.
Denn nie haben sie mir die Rosse geraubt, noch die Rinder;
Nie auch haben in Phtia, dem scholligen Männergefilde,
Meine Frucht sie verletzt; indem viel Raumes uns sondert,
Waldbeschattete Berg', und des Meers weitrauschende Wogen.
Dir, schamlosester Mann, dir folgten wir, daß du dich freutest;
Nur Menelaos zu rächen, und dich, du Ehrevergeßner,
An den Troern! Das achtest du nichts, noch kümmert dich solches!
Selbst mein Ehrengeschenk, das drohest du mir zu entreißen,
Welches mit Schweiß ich errungen, und mir verehrt die Achaier!
Hab' ich doch nie ein Geschenk, wie das deinige, wann die Achaier
Eine bevölkerte Stadt des troischen Volkes verwüstet;
Sondern die schwerste Last des tobenden Schlachtengetümmels
Trag' ich mit meinem Arm: Doch kommt zur Teilung es endlich,
Dein ist das größte Geschenk; und ich, mit wenigem fröhlich,
Kehre heim zu den Schiffen, nachdem ich erschlafft von dem Streite.
Doch nun geh' ich gen Phtia! Denn weit zuträglicher ist es,
Heim mit den Schiffen zu gehn, den gebogenen! Schwerlich auch wirst du,
Weil du allhier mich entehrst, noch Schätz' und Güter dir häufen!
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Fliehe nur, wenn's dein Herz dir gebeut! Nie werd' ich dich wahrlich
Anflehn, meinethalb zu verziehn! Mir bleiben noch andre,
Ehre mir zu erwerben; zumal Zeus waltende Vorsicht!
Ganz verhaßt mir bist du vor allen beseligten Herrschern!
Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf' und die Schlachten!
Wenn du ein Stärkerer bist, ein Gott hat dir solches verliehen!
Schiffe denn heim, du selbst mit den deinigen, daß du in Ruhe
Myrmidonen gebietest! denn du bist nichts mir geachtet;
Nichts auch gilt mir dein Pochen! vielmehr noch droh' ich dir also:
Weil mir Chryses Tochter hinwegnimmt Phöbos Apollon,
Werd' ich sie mit eigenem Schiff und eignen Genossen
Senden; allein ich hole die rosige Tochter des Brises
Selbst mir aus deinem Gezelt, dein Ehrengeschenk: daß du lernest,
Wie viel höher ich sei als du, und ein anderer zage,
Gleich sich mir zu wähnen, und so mir zu trotzen ins Antlitz!
Jener sprach's; da entbrannte der Peleion, und das Herz ihm
Unter der zottigen Brust ratschlagete, wankendes Sinnes:
Ob er das schneidende Schwert alsbald von der Hüfte sich reißend
Trennen sie sollt' auseinander, und niederhaun den Atreiden;
Oder stillen den Zorn, und die mutige Seele beherrschen.
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung,
Und er das große Schwert schon hervorzog; naht' ihm vom Himmel
Pallas Athen', entsandt von der lilienarmigen Here,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt war.
Hinter ihn trat sie, und faßte das bräunliche Haar des Peleiden,
Ihm allein sich enthüllend; der anderen schaute sie keiner.
Staunend zuckte der Held und wandte sich: plötzlich erkannt' er
Pallas Athenens Gestalt, und fürchterlich strahlt' ihm ihr Auge.
Und er begann zu jener, und sprach die geflügelten Worte:
Warum, o Tochter Zeus', des Ägiserschütterers, kamst du?
Etwa den Frevel zu schaun von Atreus' Sohn Agamemnon?
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
Sein unbändiger Stolz wird einst noch das Leben ihm kosten!
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Deinen Zorn zu stillen, gehorchtest du, kam ich vom Himmel;
Denn mich sendete Here, die lilienarmige Göttin,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt ist.
Aber wohlan, laß fahren den Streit, und zücke das Schwert nicht.
Magst du mit Worten ihn doch beleidigen, wie es dir einfällt.
Denn ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
Einst wird dir noch dreimal so herrliche Gabe geboten,
Wegen der heutigen Schmach. Drum fasse dich nun, und gehorch' uns.
Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Euer Wort, o Göttin, geziemet es, wohl zu bewahren,
Welche Wut auch im Herzen sich hebt; denn solches ist besser.
Wer dem Gebot der Götter gehorcht, den hören sie wieder.
Sprach's, und hemmte die nervichte Hand an dem silbernen Hefte,
Stieß in die Scheide zurück das große Schwert, und verwarf nicht
Athenäens Gebot. Sie wandte sich drauf zum Olympos,
In den Palast des donnernden Zeus, zu den anderen Göttern ...

 


Übersetzung: Johann Heinrich Voß (1793)
Quelle: Homer, Ilias. Odyssee,
Dünndruckausgabe, dtv, München 1979.

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