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F R I E D R I C H   S C H I L L E R
Sappho: Lehrerin der Schönheit  —  Fragmente
Prof. Dr. Joachim Latacz lehrt Klassische Philologie an der Universität Basel. Er unterstützte den Archäologen Manfred Korfmann bei den Ausgrabungen in Troia und veröffentlichte zu diesem Thema das Buch Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels. Der Fachmann nicht nur im Altgriechischen, sondern auch im indischen Sanskrit ist zudem der Urheber zahlloser hervorragender Übersetzungen, die u.a. in dem Reclam-Band Die griechische Literatur in Text und Darstellung erschienen sind.

Ein Interview mit dem Philologen Joachim Latacz

Prof. Joachim Latacz: Sappho war die Leiterin einer Erziehungsgemeinschaft für junge Mädchen im alten Griechenland. Sie lebte und wirkte auf der großen Ägäis-Insel Lesbos, direkt gegenüber dem heute türkischen Festland, südlich der Dardanellen. Ihre Lebenszeit kann aus den Quellen nur ungefähr bestimmt werden; sie lag zwischen 630 und etwa 580/570 v. Chr.

Die Griechen kannten keine allgemeine Schulpflicht. Erziehung, Bildung und Ausbildung waren Privatsache. Für die Kinder von Angehörigen der sozialen Oberschicht, des Adels, gab es die Institution der privaten Erziehungsgemeinschaften, getrennt für Knaben und Mädchen. In diesen Gemeinschaften, die auf das Erwachsenenleben in gesellschaftlich führenden Positionen vorbereiteten, erlernten die jugendlichen Zöglinge, die den Elementarunterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen schon hinter sich hatten, unter der Obhut eines Leiters bzw. einer Leiterin die höhere Bildung (Mythologie, Geschichte, Gesellschaftskunde, Literatur, Musik) und darüber hinaus den kultivierten Umgang in der Gesellschaft. Mädchen wurden speziell auf ihre Aufgaben als Partnerin eines Mannes in sozial gehobener Stellung vorbereitet. Mit der Heirat schieden sie aus der Gemeinschaft aus.

Sappho unterschied sich von Leiterinnen anderer solcher Erziehungsgemeinschaften durch ihre dichterische Begabung. Ihre Gedichte - man bezeichnet sie besser als Lieder, weil sie für den Gesangsvortrag zur Lyra (daher "Lyrik") bestimmt waren - griffen alles auf, was die Mädchen des Kreises und ihre Leiterin bewegte, und formten es zu sprachlich-musikalischen Kunstwerken um. Im Mittelpunkt stand das Thema Liebe. Aber auch zu aktuellen Ereignissen und Diskussionen in der umgebenden Lebenswelt wurde in den Liedern Stellung bezogen.

Diese Lieder trug Sappho innerhalb des Kreises vor. Da es in ihnen letztlich immer um die Frage ging, wie man sein Leben mit tragendem Sinn erfüllen kann und soll, wirkten diese künstlerisch auf höchstem Niveau stehenden Dichtungen prägend auf die Mädchen ein und stellten zugleich eine starke innere Bindung für die gesamte Gemeinschaft dar. Der "Sapphische Kreis" fühlte sich dadurch schon damals als etwas Besonderes, und wir Heutigen können dieser Selbsteinschätzung aufgrund der (leider nur wenigen) Liedfragmente, die uns noch erhalten sind, nur uneingeschränkt zustimmen.

    Vor einigen Monaten fand man ein bisher verschollenes Gedicht von Sappho auf Verpackungsmaterial einer ägyptischen Mumie. Wie gelangte ein griechisches Gedicht dorthin?

Latacz: Da müssen wir etwas weiter ausholen. Alexander der Große hat ja bekanntlich bei seinem Welteroberungszug gegen Ende des 4. Jh. v. Chr. auch Ägypten unterworfen. Im Nildelta gründete er im Jahre 332 v. Chr. eine neue griechische Stadt, der er wie allen seinen Neugründungen den Namen Alexandreia gab (heute Haupthandelshafen Ägyptens mit fast zwei Mio. Einwohnern). Seine makedonisch-griechischen Nachfolger, die Ptolemäer, entwickelten Alexandreia im 3. Jh. v. Chr. zur Kulturhauptstadt des gesamten griechischsprechenden Weltteils fort.

Kulturelles Zentrum der Stadt war das "Museion", wörtlich übersetzt "das Musenheiligtum". Das Museion wurde zur größten Forschungs- und Bildungsstätte des Altertums, mit einer Großbibliothek, die zu ihren besten Zeiten rund 400 000 Schriftrollen umfaßte. Die an der Bibliothek arbeitenden Gelehrten suchten die bis zu ihrer Zeit geschaffene griechische Literatur zu sammeln, zu ordnen und in "Werkausgaben" herauszugeben. Zu dieser Literatur gehörte auch die frühe griechische Lyrik, die zu dieser Zeit schon über 300 Jahre zurücklag.

Darunter waren auch die Lieder Sapphos. Die Philologen des Museions, die "Alexandriner", faßten sie in einer Neunrollen-Ausgabe zusammen. Diese Ausgabe wurde zur Grundlage zahlloser Abschriften, die im ganzen griechischen Sprachgebiet vertrieben wurden, natürlich gerade auch im gräzisierten Ägypten. Solche "Bücher" wurden aber im Laufe der Zeit durch häufige Benutzung oft zerlesen, sie wurden dadurch als Literatur unbrauchbar und dann zu allen möglichen Alltagszwecken verwendet, wie noch heute unser "Papier".

Gut geeignet waren einzelne Papyrusblätter in zusammengepreßtem Zustand unter anderem auch zur Herstellung von sogenannter "Kartonage", wie sie von den Ägyptern zur Einwicklung Verstorbener verwendet wurde ("Mumienkartonage"). Weil man das weiß, achtet man bei modernen Ausgrabungen in Ägypten sorgfältig darauf, mit dieser Mumienkartonage besonders vorsichtig umzugehen, um dann die einzelnen Papierschichten voneinander zu trennen und beschriebene Teile auszusondern. Dies geschieht in der Regel in technisch dafür geeigneten Instituten. Museen und Universitäten besonders in Europa haben seit Beginn der Ausgrabungen in Ägypten im 19. Jh. gern Mumienkartonage angekauft. Dazu gehört auch die Kölner Papyrussammlung. Hier kam nun das neue Sappho-Lied zum Vorschein.

    Was ist das für ein Gedicht?

Latacz: Es ist eine zwölf Verse umfassende sogenannte Altersklage. Hier der Text:

    Ihr nun eilt zu der Musen, der veilchenbusigen, schönen Geschenken,
         ihr Mädchen,
    eifrig hin - und hin zu der liederverliebten hellklingenden Lyra:

    Mir aber hat den früher einmal so zarten Körper das Alter inzwischen
    ganz gepackt schon; weiß sind die Haare geworden, die schwarzen;

    schwer ist mir die Seele geworden; nicht tragen die Knie mehr,
    sie, die doch einstmals flink waren zum Tanzen gleich Rehen.

    Darüber seufze ich oft jetzt. Doch was soll ich machen?
    Alterslos zu werden als Mensch, der man ist, das ist ja nicht möglich.

    Hat doch einst den Tithonos, so sagt man, die rosenarmige Eos,
    von der Liebe ergriffen, fort bis an die Enden der Erde getragen,

    als er schön war und jung. Doch es packte ihn trotzdem
    mit der Zeit das weißliche Alter - und hatte zur Frau
         eine Göttin unsterblich!

Sappho klagt hier über die körperlichen und seelischen Symptome des Alterns und sucht sich (und vorausschauend die Mädchen ihres Kreises) mit der Einsicht in die Unabänderlichkeit dieses Prozesses zu trösten. Als ein Beispiel aus dem Mythos führt sie den Fall des jungen schönen Tithonos an, in den sich einst Eos, die Göttin der Morgenröte, verliebte. Eos erbat für ihren Geliebten bei Zeus zwar die Unsterblichkeit, um ihn für immer zu besitzen - was Zeus gewährte. Sie vergaß aber, auch ewige Alterslosigkeit für Tithonos zu erbitten, so daß er nun, gealtert wie alle anderen Menschen, ewig als Schlottergreis neben der Göttin dahinvegetieren mußte. Nur Götter, sagt Sappho, sind alterlos - wir Menschen müssen uns mit Alter und Tod abfinden.

Diese Auffassung war zu Sapphos Zeit weit verbreitet. Obwohl uns aus der lyrischen Dichtung der frühgriechischen Periode nur sehr wenig - und auch das noch fragmentarisch - überliefert ist, haben wir zufällig noch Fragmente von zwei Gedichten, die sich bereits vor Sappho mit dem gleichen Thema "Altersklage" befaßten. Das eine stammt von Alkman, einem Dichter, der im 7. Jh. in Sparta Lieder für eine dortige Mädchengemeinschaft komponierte; das betreffende Lied beginnt so: "Nicht mehr länger, ihr Mädchen süßstimmig mit heiligen Liedern, /tragen die Knie mich ...", und es endet in der Resignation. Die Ähnlichkeit mit dem Sappho-Lied fällt in die Augen.

Der zweite Text stammt von Mimnermos von Kolophon, der ebenfalls im 7. Jh. wirkte. Hier kommt die Gedankenführung dem Sappho-Lied sogar noch näher: "Tithonos: ihm gab Zeus die schlimme Gabe, endlos / uralt zu sein: entsetzlicher noch als der bittre Tod ..." - und auch dieses Gedicht endet in tiefer Resignation. Die Ähnlichkeiten legen es nahe, daß Sappho beide Gedichte (und vielleicht noch weitere aus diesem zeitgenössischen "Altersdiskurs") kannte. In ihrem eigenen Lied hätte sie dann das Thema aufgegriffen.

Wer Sapphos Art kennt, kann allerdings nur schwer glauben, daß sie das nur in konventioneller Themavariation getan und sich der Resignation ihrer männlichen Vorgänger einfach angeschlossen haben sollte. Aus anderen Liedfragmenten Sapphos wissen wir, daß sie allgemein verbreiteten Überzeugungen oft widersprochen und ihnen eine eigene Sicht entgegengesetzt hat. Im Falle unseres Altersklageliedes ist nun in der Forschung durchaus nicht klar, ob der Text ursprünglich über Vers 12 hinaus nicht noch vier Verse weiterging. Es gibt Indizien dafür, daß Sappho in diesen vier Versen etwas gesagt haben könnte wie "Ich aber resigniere nicht, denn alt wird nur der Körper, nicht aber meine Kunst, die aus der Liebe lebt und meine eigentliche Sonne ist!" Die zwölf Verse, die jetzt zum Vorschein gekommen sind, wären dann gewissermaßen nur der Vorlauf für die eigentliche Aussage, die in einem kraftvoll antwortenden "Trotzdem!" bestünde. Das würde zu Sapphos Selbstgefühl und zu der stolzen Eigenwilligkeit des Sapphischen Kreises besser passen als matte Resignation.

Im übrigen kann man die unerhört kunstvolle sprachliche Form dieses Gebildes in der Übersetzung leider nicht nachahmen - von der musikalischen Seite ganz zu schweigen; die Musik ist nicht mehr rekonstruierbar und uns für immer verloren.

    Was ist das Besondere an Sapphos Lyrik?

Latacz: Es ist die unglaublich harmonische Einheit von Form und Inhalt (die man, wie gesagt,im Deutschen nicht adäquat wiedergeben kann), ausformuliert in einer großen Einfachheit. Und es ist die Authentizität des Selbsterlebten, die immer wieder fasziniert: Sappho redet nicht über Erlebnisse und Gefühle, sondern läßt sie aus sich heraus unmittelbar zu Sprache werden. Wer Griechisch kann und diese Texte im Original zu lesen versteht, wird immer wieder tief angerührt. Diese Erfahrung haben im Laufe der Jahrhunderte Tausende gemacht.

    Sappho lebte in einer Zeit, in der die Tyrannei weit verbreitet war. Hat die Dichtkunst den Wandel zur Demokratie beeinflußt?

Latacz: Man kann nicht von Tyrannei im heutigen Wortsinn sprechen. Vom 7. bis zum 6. Jh. erlebte Griechenland an vielen einzelnen Orten die aus Kleinasien herübergekommene Herrschaftsform der "Tyrannís" - was eigentlich nur "Herrschaft eines Einzelnen" bedeutet. Diese Herrschaftsform ging vielerorts aus lokalen Parteikämpfen des Adels hervor. Die siegreiche Adelsclique brachte dann ihren Anführer als "Tyrannos" zur Herrschaft. So auch um 600 auf Lesbos. Sappho selbst und ihre (zweifellos adlige) Familie waren zeitweilig Opfer dieser Kämpfe; Sappho mußte für einige Zeit in die Verbannung gehen.

Sapphos Dichtung hat sich, soweit wir sehen, mit Politik allenfalls am Rande und in Anspielungen beschäftigt. Ihr Landsmann Alkaios allerdings, Mitglied und zeitweise wohl Anführer einer Adelsparteiung auf Lesbos, hat politische Lieder geschaffen, die in ihrer Opposition zu verschiedenen Tyrannoi, die auf Lesbos aufeinanderfolgten, durchaus eine widerstandsstärkende Wirkung entfaltet haben mögen. Insgesamt aber wissen wir über die internen politischen Verhältnisse Griechenlands in der damaligen Phase trotz intensiver Forschungen heute noch nicht genug, um diese spezielle Frage schlüssig beantworten zu können.

    Studiert man die Geschichte, fällt einem auf, daß jeder geistigen oder kulturellen Revolution eine intensive Beschäftigung mit den Griechen vorausging. Warum ist das so?

Lakacz: Die griechischen Dichter, Denker, Wissenschaftler, Rhetoren, Geschichtsschreiber und Philosophen haben seit dem 8. Jh. v. Chr. die geistigen Grundlagen unserer Kultur geschaffen. Sie haben Dichtung, Wissenschaft, Philosophie und die wichtigsten Ausprägungsformen von dem, was wir Kultur nennen, seit dem 8. Jh. v. Chr. überhaupt erst erfunden. Die Mehrzahl der Begriffe, die unsere Kultur bestimmen, sind ursprünglich griechische Wörter. Die Denksysteme, die von griechischen Philosophen wie Platon und Aristoteles geschaffen wurden, stehen nach wie vor hinter unserer "westlichen" Weltsicht. So beginnt jeder moderne Neuansatz unweigerlich wieder bei den Griechen. Die Griechen sind in uns. Wir werden sie nicht mehr los.

 


Sappho Fragmente   (7. Jahrhundert v.Chr.)

    Frühling
    ... Frühlings Botin, Sehnsucht singende
    Nachtigall ...

    Vollmond
    Die Sterne, die rings um den schönen Mond sind:
    rasch verstecken sie ihr glänzend Antlitz,
    wenn er - voll gerundet - seinen hellsten Schein wirft

    Die Tochter Kleïs
    Hab' ein schönes Kind - den goldnen Blumen
    ähnlich ist ihr Wuchs: Kleïs, die vielgeliebte.
    Gegen die würd' ich ganz Lydien nicht, das liebe,
    [Lesbos auch nicht tauschen - niemals!...]

    Schönheit
    ... der Schöne nämlich ist nur, insoweit man ihn betrachtet, schön -
    doch wer auch edel ist, wird augenblicklich auch schön sein noch dazu!

    Gib acht!
    Breitet aus sich in der Brust der Zorn -
    sinnlos bellt die Zunge dann: gib acht!

    Der Mädchenkreis
    ... und keine einz'ge, glaub' ich, die das Licht der Sonne hat erblickt,
    wird je an Klugheit - nein: kein Mädchen, nie, zu keiner Zeit! -
    so sein wie du ...


Übersetzung: Joachim Latacz (Nachdruck von ihm genehmigt)
Quelle: Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Bd. I, Archaische Periode,
griechisch-deutsch, hrsg. v. Joachim Latacz, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1998.

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