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Schiller-Institut e. V.
"Zweck der Menschheit ist kein anderer als die
Ausbildung der Kräfte des Menschen, Fortschreitung."
Friedrich Schiller

 

Ausblick: Wird Afrika zum neuen China?

Von Mohammed Bila

Mohammed Bila, Experte des Tschadsee-Observatoriums der Kommission für das Tschadseebecken, sprach bei der Konferenz des Schiller-Instituts über das Transaqua-Projekt.

Einführung

Sehr geehrte Damen und Herren, die Kommission für das Becken des Tschadsees (LCBC) freut sich sehr, daß Sie Gelegenheit hat, sich hier mit dem Schiller-Institut auszutauschen. Ich kann Ihnen leider nur die besten Grüße unseres Exekutivsekretärs übermitteln, er kann aus verschiedenen Gründen hier nicht bei Ihnen sein. Deshalb hat er mich geschickt, damit ich hier den Teilnehmern dieser Konferenz die Ansichten der LCBC vorstelle.

Ich arbeite seit 2002 für die LCBC als Modellierer. Ich habe also alle die Entwicklungen miterlebt, in Nigeria sogar schon vor 2002, ich habe die Folgen des Austrocknens des Tschadsees gesehen. Ich sah die Versuche verschiedener Regierungen, das Problem zu lösen. Ich habe die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft für das Tschadseebecken und die Mitgliedstaaten gesehen. Aber seit 2012 haben wir eine völlig andere, neue Herausforderung, nämlich einen offenen Konflikt mit Menschen, die glauben, alle anderen ändern zu müssen [die Terrorgruppe Boko Haram]. Wenn wir schon vor 30 Jahren eine Lösung gesucht hätten, dann wäre es wahrscheinlich gar nicht so weit gekommen.

Der Plan des Wassertransfers zwischen den Becken des Kongo und des Tschadsees als Lösung für das Austrocknen des Tschadsees wurde bekannt, als das 8. Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der LCBC, das im März 1994 in Abuja stattfand, eine internationale Kampagne für die Rettung des Tschadsees begann. Nach der Wahl von Präsident Mohammadu Buhari 2015 und seinem Appell an die internationale Gemeinschaft, bei der Wiederauffüllung des Tschadsees zu helfen, um die wirtschaftlichen Aktivitäten wiederzubeleben und den Terrorismus zurückzudrängen, beschloß die LCBC, den ältesten Vorschlag, der uns vorlag, das sog. Transaqua-Projekt, genauer anzuschauen. Dieser Vorschlag wurde in den 80er Jahren als umfassende Lösung für die Rekorddürre in der Sahelzone entwickelt. Diese Dürre hatte schon 1973 begonnen und herrschte in den 80er Jahren immer noch.

Die Abuja-Konferenz von 2018

Im März 2018 kamen acht afrikanische Staats- und Regierungschefs in Abuja, um an der Internationalen Konferenz über den Tschadsee in Abuja teilzunehmen. Diese acht Staatsoberhäupter und Regierungschefs wählten auf der Grundlage der Vorträge und Diskussionen in den Arbeitsgruppen das Transaqua-Projekt aus, als die machbarste Option, um den Tschadsee zu retten, aber auch, um Afrika zu transformieren.

Bei diesem Treffen waren fünf Staatschefs von Mitgliedstaaten der LCBC anwesend, dazu kamen ein Vertreter der Regierung Libyens und auch Präsident Ali Bongo Ondimba von der zentralafrikanischen Republik Gabun. Wir hatten auch die Zustimmung des Präsidenten von Kongo-Brazzaville, Denis Sassou Nguesso, zu den Ergebnissen der Konferenz; er rief während der Konferenz an und sagte: „Ich gebe allem, was bei dieser Konferenz herauskommt, meinen Segen.“ Das war das erste Mal, daß afrikanische Staatsführer zusammengekommen sind und versucht haben, eine gemeinsame Lösung für dieses Problem zu finden.

Der Transaqua-Vorschlag besteht in einer 2400 km langen Wasserstraße, um 30-50 Mrd. m3 Wasser aus den rechten Nebenflüssen des Kongo in den Tschadsee zu leiten. Bei dem ursprünglichen Vorschlag, der in den 1980er Jahren von dem italienischen Ingenieur Marcello Vichi kam, schätzte man, daß man 100 Mrd. m3 Wasser aufnehmen und zum Tschadsee leiten könnte. Aber seit damals bis heute hatten wir ständige Dürre, deshalb geht man allgemein davon aus, daß wir wahrscheinlich nicht auf 100 Mrd. m3 kommen werden, aber den rechten Nebenflüssen des Kongo zwischen 30 und 50 Mrd. m3 Wasser entnehmen können, um sie zum Tschadsee zu leiten. Man erwartet, daß das Projekt sieben afrikanischen Ländern direkten wirtschaftlichen Nutzen schafft und fünf weiteren Ländern, die mit den Becken des Kongo und des Tschadsees verbunden sind, indirekten Nutzen bringen wird.

Die Erklärung von Abuja und Transaqua

Am Ende der Konferenz einigten sich die Staatschefs auf die Erklärung von Abuja; darin weisen sie darauf hin, wie das Austrocknen des Tschadsees und der Verlust der Mittel zum Lebensunterhalt in der Sahelregion die Sicherheit der Menschen beeinträchtigt: Wanderung nach Süden und Ausbreitung von Konflikten nach Zentralafrika und Kongo, Gefahr für Leben und Besitz in der Sahelzone, in der Tschadseeregion und in Westafrika allgemein, sowie langfristiger Verlust der Stabilität in Zentralafrika. Das nimmt nach und nach zu.

Seit 1973 sind diejenigen, die etwas besaßen, also diejenigen, die Herden hatten, aus der Sahelzone fortgezogen. Sie ziehen zur Mitte Afrikas hin, wo das Gras noch grün ist. Sie versuchen, den wenigen Besitz zu erhalten, den sie haben, indem sie nach Süden ziehen. Diese Wanderung führt sie in neue Regionen, wo sie auf Menschen anderer Kulturen treffen, die andere Sprachen sprechen. Das ist die Hauptursache der Probleme in der Zentralafrikanischen Republik. Deshalb kamen wir zu dem Schluß, daß diese Südwanderung in Regionen, die schon jetzt unter inneren Konflikten leiden, noch mehr Probleme auslösen wird, wenn wir die Lage nicht herumreißen. Der Verlust der Existenzgrundlage veranlaßt auch die jungen Menschen in der Sahelzone, nach Norden durch Libyen nach Europa zu emigrieren.

In der Erklärung von Abuja wird die Transaqua-Initiative für den Wassertransfer zwischen den Becken als ein panafrikanisches Projekt unterstützt, das notwendig ist, um den Tschadsee wieder aufzufüllen, für Frieden und Sicherheit in der Tschadseeregion und zur Förderung von Schiffahrt, industrieller und wirtschaftlicher Entwicklung im gesamten Kongobecken.

Die Afrikanische Entwicklungsbank wurde beauftragt, die Schaffung eines Tschadseefonds von 50 Mrd. $ zu organisieren. Die Finanzierungsquellen sollen eine soziale Komponente haben, die aus öffentlichen Mitteln der afrikanischen Staaten finanziert wird, und eine wirtschaftliche Komponente, die aus öffentlichen Mitteln sowie Krediten und Spenden von Afrikas Entwicklungspartnern kommen soll.

Transaqua, gemeinsamer Nutzen und Wirtschaftswachstum in Afrika

Karte: EIR

Abb. 1: Fertige und geplante Eisenbahnstrecken in Afrika und das Transaqua-Projekt.

Grafik: Bonifica

Abb. 2: Entwicklungsplan für die Region des Transaqua-Projektes.

Dieses Bild (Abbildung 1) zeigt die notwendige Eisenbahninfrastruktur, die mit Hilfe Chinas gebaut wird. Das Blaue in der Mitte ist der Transaqua-Schiffahrtskanal, ausgehend von der Region südlich des Victoriasees, in der Kivu-Region. Er wird dann das Wasser unter Zuhilfenahme der Schwerkraft in die Zentralafrikanische Republik leiten, wo wir eine Industriezone aufbauen wollen. Der Kanal wird das Wasser in den Chari-Fluß leiten, der dann den Tschadsee wieder auffüllen wird.

Dies (Abbildung 2) ist die Region, die vom Transaqua-Projekt profitieren wird. Sie können sehen, daß der erste Nutznießer die Demokratische Republik Kongo sein wird, denn das Wasser stammt aus diesem Becken. Wir brauchen neue Konzepte, um das, was dort geschieht, zu beschreiben. Die traditionelle Vorstellung ist, daß man vorhandenes Wasser zwischen Staaten oder einer Gruppe von Nutzern aufteilt. Aber bei dem neuen Konzept des geteilten Nutzens, der Win-Win-Situation, können wir diese traditionelle Vorstellung nicht anwenden. Hier ist vorgesehen, daß eine bestimmte Wassermenge, die einen bestimmten Wert hat, dem Kongo entnommen und durch den Kanal geleitet wird. Sie erzeugt Mehrwert durch den Transport von Waren, sie erzeugt Mehrwert durch die Auffüllung des Kanals. So gelangt das Wasser in die Zentralafrikanische Republik.

Wenn dieses Wasser fließt, werden Staudämme gebaut. Wir haben lokalisiert, wo an den Nebenflüssen Staudämme gebaut werden. Diese Staudämme erzeugen Strom – ein weiterer Wert, der durch dieses Wasser geschaffen wird. Und wenn es in die Zentralafrikanische Republik gelangt, kann auch dort die Wasserkraft genutzt werden, und das Wasser kann auch zur Bewässerung genutzt werden. Das gleiche Wasser wird dann zum Tschadsee geleitet. Kamerun kann das Wasser zur Bewässerung nutzen, Kamerun kann auch einen Teil des erzeugtens Stroms nutzen, ebenso der Tschad, denn alle diese Regionen haben bisher keine Elektrizität. Das alles ist Nutzen, den dieses Projekt hervorbringt.

Schließlich gelangt das Wasser in den Tschadsee. Niger wird Nutzen ziehen aus der Bewässerung und was immer sie sonst mit dem Wasser tun wollen. Es ist eine große Chance, um Waren und Dienstleistungen aus Zentralafrika in den Sahel zu bringen, mit neuen Bewässerungsprojekten. Anstatt jedes Jahr Milliarden Tonnen Reis zu importieren, wird Afrika diesen Reis dann selbst erzeugen. Die Industriezonen und die Containerterminals, die entlang des Schifffahrtskanals entstehen, werden neue wirtschaftliche Entwicklung bringen.

Diese Wassermenge wird auch die Biodiversität wiederbeleben, insbesondere im Kongobecken, wo es große Naturreservate gibt. Wenn man mehr Wasser in diese Gebiete bringt, fördert man eine Zunahme der Biodiversität in diesen Reservaten. Das Projekt wird Afrika nicht nur wirtschaftlich entwickeln, sondern auch helfen, die Artenvielfalt in der Zentralafrikanischen Republik zu beleben und zu schützen und die Biodiversität im Tschadsee zu beleben. Es wird den regionalen Handel antreiben, es wird neue wirtschaftliche Infrastruktur wie Binnenhäfen, Containerterminals, agroindustrielle Zonen und neue Straßen schaffen. In einigen Gebieten gibt es bisher noch keine Straßen. Wenn man in der Demokratischen Republik Kongo von einer Stadt in eine andere gelangen will, die nicht am Kongofluß liegt, dann ist das eine gewaltige Herausforderung. Man muß entweder mit dem Fahrrad oder dem Motorrad fahren. Diese Projekte werden mit Sicherheit neue Straßen hervorbringen.

Von Anfang an finanzielle Erträge

Grafik: Bonifica

Abb. 3: Erste Schritte zu einem großen Fortschritt: Es ist möglich, das Projekt in verschiedene operationelle Abschnitte zu unterteilen.

Das Projekt muß auch nicht auf einen Schlag umgesetzt werden. Das Unternehmen, mit dem wir zusammenarbeiten, die Bonifica-Gruppe in Italien, hat Simulationen erstellt. Ihre Simulationen besagen, daß man das Projekt in bis zu 12 Abschnitte (Lose) unterteilen kann. Vom ersten Baulos an können wir Wirtschaftsgüter produzieren, und mit dem Geld, das durch den Verkauf dieser Güter erlöst wird, können wir dann zur nächsten Phase übergehen, zum nächsten Baulos. So werden die afrikanischen Länder mit der Zeit sogar in der Lage sein, sie so zu planen, daß sie Partner ihrer Wahl hinzuziehen können, die sich an der Entwicklung der verschiedenen Baulose beteiligen.

Der Simulation zufolge können die finanziellen Erträge, die sich schon bei der ersten Phase einstellen werden, in den kommenden 30 Jahren für ein stabiles Wachstum sorgen, das ist die erwartete Dauer für die Realisierung des Projekts. Es wird also einen ständigen Kapitalzufluß geben, konstante finanzielle Resultate, die dann in die nächste Phase des Projekts einfließen. Das Projekt wird also von Anfang an finanziell tragfähig sein.

Der erste Bauabschnitt, den Bonifica simuliert hat, ist der Bau eines Damms in der Zentralafrikanischen Republik, der 200 MW Strom aus Wasserkraft erzeugt; Schaffung von vier Bewässerungsanlagen mit zusammen mehr als 40,000 ha Land; Bau von bis zu 600 km Straßen, mehreren neuen städtischen Siedlungen und einem Industrie- und Logistikkomplex, der direkt 20.000 Menschen beschäftigen und noch einmal so viele Arbeitsplätze indirekt schaffen wird. Das ganze beruht auf Investitionen von lediglich etwa 4 Mrd. Euro. Das kann bis 2025 erreicht werden.

Nkrumah hatte diesen Traum

Kommen wir nun zurück zu der Frage: „Wird Afrika das nächste China werden?“ Die Antwort lautet „Ja“ – wenn wir diese Investitionen in der Zentralafrikanischen Republik vornehmen und in dieser Partnerschaft zwischen Afrika, Europa und China in den kommenden 50 Jahren fortsetzen. 2016 hat China Präsident Mohammadu Buhari zugesagt, in dieses Projekt zu investieren. Sie waren die ersten, die mit einer Machbarkeitsstudie dafür begonnen haben. Später beschloß Italien, sich zu beteiligen, was uns sehr freut. In der Konferenz in Abuja spendete Italien 2,5 Mio. Euro für eine Machbarkeitsstudie. China hat also bereits 1,8 Mio. Dollar investiert, dann folgte Italien mit 2,5 Mio. Euro. Wir sind nun in der Lage, eine umfassende Studie des Transaqua-Projektes durchzuführen. Es ist mehr als bloß ein Wasserprojekt, es ist ein Transformationsprojekt für Wirtschaftswachstum in Afrika.

Grafik: Bonifica

Abb. 4: Entwicklung der Tschadsee-Region durch das Transaqua-Projekt bis 2087.

Wenn das Infrastrukturprojekt Transaqua mit Unterstützung und in Partnerschaft mit Europa und China realisiert wird, dann wird das Afrika mit Sicherheit auf den Weg zu wirtschaftlichem Wachstum, Sicherheit für die Menschen, Industrialisierung, Frieden und Entwicklung bringen. Der Traum panafrikanischer Staatsmänner wie Dr. Kwame Nkrumah würde wahr. Nkrumah hatte seinen Traum 1964. Wenn wir jetzt damit anfangen, in diese Partnerschaft zu investieren, dann wird Afrika in 50 Jahren das neue China sein.

Wir haben bereits die Straßen geplant, die notwendig sein werden, um den ersten Abschnitt in der Zentralafrikanischen Republik zu realisieren. Wir gehen davon aus, daß der Tschadsee im Jahr 2087 ein durchgehender See sein wird, nicht mehr aufgeteilt in verschiedene Teiche, wie es derzeit der Fall ist. Wir werden einen einzigen großen See haben. Wir haben eine Karte der Gebiete erstellt, die dann in allen Ländern rund um den Tschadsee bewässert werden (Abbildung 4). Wir sind fest davon überzeugt, daß dies Afrika völlig verwandeln wird.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.