Eine weltweite Jugendbewegung für Frieden und Entwicklung
Von Helga Zepp-LaRouche
Zu Beginn der dritten Sitzung der Pariser Konferenz am 8.
November sagte die Gründerin des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche,
folgendes. (Übersetzung aus dem Englischen, die Zwischenüberschriften wurden
hinzugefügt.)
Ich denke, die Notwendigkeit, eine neue internationale Jugendbewegung zu
gründen, ist dringender denn je. Denn es ist ganz klar, daß wir im Hinblick auf
den langen Bogen der Geschichte einen Punkt erreicht haben, an dem Historiker,
wenn wir diese Zeit überstehen, zurückblicken und sagen werden: Genau zu diesem
Zeitpunkt mußte die Entscheidung getroffen werden, das System zu ändern oder
nicht zu überleben. Denn noch nie zuvor in der Geschichte gab es eine Situation,
in der die gesamte Zivilisation auf dem Spiel stand.
Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen sich mit diesem Thema beschäftigt haben,
aber vor einigen Wochen hatten wir in Deutschland ein sehr wichtiges Seminar,
ein Zoom- und Live-Seminar mit dem weltbekannten Raketenwissenschaftler Ted
Postol,1 der Professor am MIT und Berater des Pentagon war. Er hat
praktisch alle wichtigen Standardwerke über den Unterschied zwischen
konventionellem Krieg und Atomkrieg geschrieben. Und auch in seinem Vortrag
brachte er dasselbe Argument vor: Es liegt in der Logik des Atomkrieges, daß
sobald eine Waffe eingesetzt wird, die mathematische Wahrscheinlichkeit, daß es
innerhalb von fünf Tagen zu einem globalen Atomkrieg kommt, in dem fast das
gesamte Arsenal eingesetzt wird, bei fast 99,9% liegt, also praktisch bei 100%.
Wenn das passiert, kommt es zu einem nuklearen Winter, und danach bleibt nichts
mehr übrig, kein Leben auf dem Planeten.
Jeder denkende Bürger würde zu dem Schluß kommen, daß alles getan werden muß,
um ein System zu ändern, das so etwas zuläßt. Und solange wir diese
geopolitische Konfrontation zwischen der NATO auf der einen Seite und Rußland,
China und möglicherweise anderen Ländern wie dem Iran und Nordkorea
aufrechterhalten, sitzen wir auf einem Pulverfaß.
Professor Postol hat für uns spezielle Diagramme erstellt, die Sie auf der
Website des Schiller-Instituts einsehen können, wenn Sie sich damit befassen
möchten. Er hat spezielle Diagramme erstellt, die zeigen, wie viele Atomwaffen
allein auf Deutschland abgeworfen werden, wenn es zu einem Krieg kommt. Es sind
Hunderte, Hunderte von Atomwaffen. Es wird also nichts mehr übrig
bleiben. Und da Frankreich nicht weit von Deutschland entfernt ist, wäre ich an
Ihrer Stelle äußerst besorgt, denn die derzeitige Politik der deutschen
Regierung und auch der französischen Regierung, die Koalition der Willigen,
treibt die Menschheit in den Abgrund. Das ist die Realität.
Die Friedensbewegung existiert nicht. Sicher, es gibt kleine
Friedensbewegungen, aber das reicht bei weitem nicht aus. Wenn man dann noch
bedenkt, was Jacques [Cheminade] heute Morgen über die perfide Rolle der
Kombination aus KI und Militärproduktion als Geldmaschine gesagt hat (vgl. „Es ist an der Zeit, Ihre Denkweise
zu ändern”, Neue Solidarität 48-49/2025), in der im Grunde all diese
verschiedenen Algorithmen zusammenlaufen, ist es fast unmöglich, dies zu
stoppen, wenn keine echte Massenbewegung von Menschen entsteht, die sich dagegen
wehren.
Das ist auch keine Frage, die auf Europa oder die Vereinigten Staaten
beschränkt ist, denn schon auf der Bandung-Konferenz 1955 sagte der indonesische
Präsident Sukarno, im Falle eines Atomkrieges würde ein allgemeiner
Zusammenbruch aller Strukturen folgen und die Länder des Globalen Südens könnten
aufgrund der Radioaktivität innerhalb weniger Wochen aussterben. Es handelt sich
also wirklich um eine existentielle Frage.
Die einzigen, die durch unseren Vorschlag etwas verlieren würden, sind
vielleicht ein paar hundert Milliardäre und vielleicht ein oder zwei Billionäre,
vielleicht ein paar tausend Multimillionäre, aber das ist auch schon alles! Der
Rest der Menschen wäre glücklich – tatsächlich wären acht Milliarden Menschen
glücklich!
Wir brauchen einen Plan, um die Politik zu ändern
Ich denke also, wir brauchen einen ernsthaften Plan, um die Politik Europas
zu ändern, vor allem gegenüber Afrika, denn dort wird es sehr konkret. Und ich
denke, wir sollten in dieser Diskussionsrunde darüber sprechen, was die Menschen
ihrer Meinung nach tun können, um beim Aufbau einer solchen Struktur zu
helfen.
Wir fangen nicht bei Null an, dies ist bereits die dritte internationale
Konferenz, die wir in diesem Jahr veranstalten. Wir hatten eine im Mai in New
Jersey, eine im Juli in Berlin, und jetzt ist das die dritte. Und wenn möglich,
könnten wir noch vor Jahresende eine vierte veranstalten, denn ich denke, die
Situation erfordert es.
Offensichtlich finden in Europa enorme Veränderungen statt. Es gibt schon
einen Block von Ländern, die sich von diesem Kriegstreiben distanzieren: Ungarn,
die Slowakei, jetzt Tschechien, vielleicht diskutieren auch andere Länder
darüber. Man bräuchte also keine „Koalition der Willigen”, wenn tatsächlich alle
willig wären. Die Tatsache, daß die EU und die NATO nicht einig sind, man aber
dennoch diese Koalition der Willigen braucht, zeigt, daß es ein enormes
Potential gibt. Auch in den südlichen Ländern – Portugal, Spanien, Italien, auf
dem Balkan – sind sie nicht auf einer Linie. Wir sollten also ernsthaft darüber
nachdenken, wie wir ihre Stimme innerhalb Europas stärken können.
Wir haben Elemente des Gesamtbildes. Wir haben auf der Berliner Konferenz
einen Entwurf eines Entwicklungsprogramms für Afrika vorgestellt. Es ist ein
Entwurf dazu, welche Arten von Projekten notwendig wären, um eine solche
Veränderung zu bewirken. Afrika braucht dringend Infrastruktur. Nirgendwo auf
der Welt gibt es Industrialisierung ohne grundlegende Infrastruktur.
So haben 600 Millionen Menschen in Afrika immer noch keinen Zugang zu
Elektrizität. Ich habe bereits erwähnt, daß der Grand-Renaissance-Damm in
Äthiopien ein perfektes Beispiel für die Art von Projekten ist, die das ändern
würden. Dazu natürlich grundlegende Infrastruktur wie Häfen, ein integriertes
Netz von Schnellzügen, Eisenbahnen, Autobahnen, Wasserstraßen, Häfen, Flughäfen,
Energieerzeugung, -verteilung und -kommunikation.
Man muß sich das wie ein kontinentales Netz vorstellen, ähnlich wie in
Europa. Die europäischen Verkehrsminister treffen sich regelmäßig und
diskutieren immer über das kontinentale Netz Europas. Sie diskutieren nicht über
Deutschland oder Luxemburg oder ein einzelnes Land, sondern betrachten den
Kontinent als Ganzes und legen dann fest, welche grundlegenden Korridore in den
nächsten 20 Jahren gebaut werden müssen. Das ist auf jeden Fall ein Vorbild.
Das Gleiche braucht man auch für Afrika, unabhängig von den politischen
Schwierigkeiten. Bekanntlich gibt es die Lage im Sudan, im Kongo, alle die
schrecklichen Krisen. Doch wenn man den afrikanischen Kontinent als Ganzes
betrachtet, sollte er über eine ebenso dichte Infrastruktur verfügen wie die
Industrieregionen Europas.
Mit anderen Worten: Wenn man nach Deutschland fuhr – als Deutschland noch
funktionierte, also vor etwa 20 Jahren –, hatten wir ein System, das
Schnellbahnen, Wasserstraßen und Autobahnen miteinander verband. Damals war
Nordrhein-Westfalen noch ein Industriegebiet. Man konnte ein Containerschiff von
überall her, aus Asien, in Rotterdam beladen, nach Duisburg, dem Binnenhafen,
transportieren und von dort entweder mit dem Zug oder dem Lkw weiterbefördern,
sehr schnell und sehr effizient. Denn je stärker ein Land industrialisiert ist,
desto mehr Infrastruktur braucht es und desto wichtiger wird Zeit.
Stellen Sie sich vor, Sie müßten einen Plan erstellen: Wie sollte der
afrikanische Kontinent aussehen? Die Afrikaner haben den 2063-Plan, einen sehr
fortschrittlichen Plan, der jedoch noch erweitert werden kann. Wir sind der
Meinung, daß wir in Richtung 2050 denken sollten, was mit der Hundertjahrfeier
der chinesischen Republik zusammenfällt. Und Xi Jinping hat einmal gesagt, er
hätte gerne bis 2049 ein internationales System mit modernen, fortschrittlichen,
kulturell vorwärts strebenden, glücklichen Menschen auf internationaler Ebene –
nicht nur China solle glücklich sein, sondern auch alle anderen Länder.
Stellen Sie sich das vor: ein Staatschef, der das Glück der ganzen
Weltgemeinschaft anstrebt! Und das war schon vor etwa zehn Jahren.
Wenn wir also darüber nachdenken, kann man es positiv so ausdrücken, daß das
einfach menschlich ist – daß wir Industrie in Europa, in Frankreich, in Spanien,
in Deutschland, in den Benelux-Ländern rekrutieren müssen, die sagt, sie wollen
zusammen mit den BRICS-Ländern Teil einer solchen Investitionsoffensive sein,
denn das kann auch ein Rettungsboot für die europäische Industrie sein.
Die Krise in Europa
Frankreich hat derzeit keine Regierung; was die Stabilität angeht, ist es
eine Eintagsfliege. Morgens hat man eine Regierung und weiß nicht, ob sie abends
noch da ist. Das ist nicht gerade stabil.
Die deutsche Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Ich glaube, die
Menschen haben noch gar nicht erkannt, daß Deutschland sich in einer solchen
existentiellen Krise befindet, sie können sich das gar nicht vorstellen. Aber
alles bricht zusammen, etwa der Automobilsektor – auch wegen der Chips, wegen
der Dummheit, daß die Niederlande die Chip-Produktion beschlagnahmt haben.
Wenn das so weitergeht, werden sie die gesamte Region Wolfsburg,
Braunschweig, wo VW, Porsche usw. gebaut werden, dichtmachen. Dann BMW, Mercedes
– jeder sechste Arbeitsplatz in Deutschland hängt vom Automobilsektor ab. Wir
werden zwei Drittel davon verlieren, nicht nur die eigentlichen Fabriken,
sondern auch alle Zulieferer. Tausende und Abertausende von Arbeitsplätzen
werden verloren gehen.
Das Gleiche gilt für die Stahlindustrie, die Pharmaindustrie und andere
Bereiche, die von der Lieferkette abhängig sind. Aufgrund des Handelskriegs und
anderer Faktoren stehen wir vor einem Zusammenbruch Deutschlands, und das wird
soziale Folgen haben.
Manche denken vielleicht, das wäre gut für die AfD, sie werde die Macht
übernehmen. Aber das ist eine unsichere Wette, denn in der AfD gibt es
zweifellos sehr interessante Leute, die problemlos Teil unserer Bewegung sein
könnten. Aber leider gibt es dort auch andere Elemente, die nicht so nett sind.
Und ich möchte eines klarstellen: Sie sollten diese Leute zuerst rauswerfen,
bevor ich mit ihnen zusammenarbeiten möchte.
Deshalb setze ich nicht darauf, daß die AfD an die Macht kommt und dann
sofort alles gelöst ist. Denn ich habe keinen kohärenten Plan gesehen, wie sie
das Chaos lösen wollen.
Wenn Deutschland also in einen unkontrollierten Zusammenbruch gerät, denken
Sie an die 1930er Jahre: Nazis gegen Kommunisten in Straßenkämpfen usw. Das
gesamte soziale Gefüge in Deutschland bricht zusammen. Ich kann nur Alarm
schlagen! Wir [Deutsche und Franzosen] sind Nachbarländer; wenn Sie das nicht
begreifen, verstehen Sie nicht, wie Ihre Zukunft aussehen wird.
Wir brauchen Jugendbewegungen in aller Welt
Was wir also anbieten, ist ein Plan, nach dem wir eine internationale
Jugendbewegung in Afrika und in so vielen Ländern wie möglich aufbauen werden.
Daß wir überall, wo wir können, Jugendbewegungen aufbauen werden, in Asien, in
Lateinamerika – heute ist ein führendes Mitglied aus Mexiko hier. Daß wir dann
diesen Plan für die Industrialisierung Afrikas und natürlich auch Lateinamerikas
perfektionieren werden. Und dann gehen wir zur Industrie [im Westen] und sagen
ihnen, das sind die Optionen, in die sie investieren sollten.
Und wir sollten eine Bewegung von Mittelständlern, von kleinen und mittleren
Unternehmen in Deutschland organisieren. Früher waren 85% aller Unternehmen KMU,
Mittelstand. Die „Hidden Champions“ sind noch da, aber wie lange noch?
Und ebenso gibt es bestimmte Sektoren in Frankreich, für die Sie weltweit
bekannt sind, Raumfahrt, Kernenergie und andere Bereiche. All das müssen wir
mobilisieren, um eine Veränderung in der Politik Europas zu schaffen.
Wenn Europa die Entscheidung treffen würde, Afrika zu industrialisieren,
zusammen mit China und vielleicht Rußland, Indien, Indonesien, Japan und
Brasilien, kann es gelingen. Wir könnten den Kurs schnell ändern.
Und wenn ein Appell an die Vernunft nicht ausreicht, kann man auch sagen:
„Sehen Sie, im Jahr 2050 wird es 2,5 Milliarden Afrikaner geben. Das sind eine
Milliarde mehr als heute. Entweder Sie schließen sich unserem Programm an, oder
eine Milliarde Afrikaner werden in Ihr Land, in Ihre Heimatstadt kommen.“
Ich nutze das als Polemik, denn die Migrantenfrage ist eine der großen
moralischen Krisen des Westens. Wenn man sich ansieht, was die EU mit Frontex im
Mittelmeerraum macht, ist das widerlich. Es gibt keine offizielle Zahl darüber,
wie viele Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, aber inoffizielle Zahlen gehen
in die Zehntausende. Papst Franziskus hat die Flüchtlingslager rund um das
Mittelmeer, in Ägypten, in Libyen, in der Türkei, in Griechenland, als
Konzentrationslager bezeichnet, weil sie von Stacheldraht umgeben sind. Sobald
die Menschen dort sind, kommen sie normalerweise jahrelang nicht mehr heraus.
Das ist absolut widerwärtig.
Menschenrechte kann man vergessen, der Westen hat sogar den Vorwand
aufgegeben, für Menschenrechte einzutreten. Ebenso die Vereinigten Staaten, wenn
man sich die Politik innerhalb der USA ansieht, wo Familien nachts von der
ICE-Polizei aus dem Schlaf gerissen werden. Das ist wirtschaftlich völlig
unsinnig, weil die amerikanische Wirtschaft auf ihre Arbeitskraft angewiesen
ist, denn diese Menschen nehmen normalerweise Jobs an, die andere Amerikaner
nicht machen wollen.
Ebenso verlieren wir in Deutschland die Landwirtschaft, weil die Deutschen
keine Äpfel mehr ernten wollen und schon gar keinen Spargel, weil das harte
Arbeit ist! Wir verlieren also ganze Bereiche der Landwirtschaft als Folge der
Politik gegen Migranten. Der Gesundheitssektor bricht ohne Menschen aus anderen
Ländern völlig zusammen, und so weiter und so fort.
Wir haben eine neue Form des Faschismus, daran besteht für mich kein Zweifel.
Wenn man anfängt, bestimmte Menschen aus bestimmten Rassen zu charakterisieren –
als ob es Rassen gäbe, denn wir haben nur eine einzige Menschheit! Wenn man
anfängt, Menschen zu kategorisieren – Menschen mit dieser Hautfarbe und dieser
Eigenschaft –, dann ist man auf dem Weg in die Katastrophe. Wir haben es aus der
Geschichte gelernt, das ist der Weg in den Faschismus.
Ein Rettungsboot für Europa und Afrika
Was wir also vorschlagen, ist ein Rettungsboot für die europäische Industrie.
Es ist ein absolut notwendiger Beitrag für afrikanische Länder, die aufgrund von
500 Jahren Kolonialismus nicht über die notwendigen technologischen Mittel
verfügen, wenn man sie ihnen nicht zur Verfügung stellt. Und die Chinesen sind
offensichtlich schon vor Ort. Aber wenn man die Welt als Ganzes betrachtet, will
man nicht, daß der Westen und China geopolitisch um Einfluß in Afrika
konkurrieren. Das ist genau das, was man nicht will. Was man will, ist ein
kooperativer Ansatz, mit gleichberechtigten Partnern aus afrikanischen Nationen,
um dies zu erreichen.
Ich denke also, daß das, was wir als Massenmobilisierung vorschlagen, alle
Kriterien und Anforderungen gleichzeitig erfüllt. Es ist eine Friedensbewegung.
Es ist eine Bewegung für die Sichtweise der Coincidentia oppositorum auf
die Menschheit. Und ich kann mir vorstellen, daß es hier viele Menschen gibt,
die sagen würden: Das ist die Sache, für die ich auf die Straße gehen kann,
viele Telefonate führen und jede Woche einige Stunden opfern, um mich an dieser
Initiative zu beteiligen.
Das ist also meine Herausforderung an Sie: Schließen Sie sich alle dieser
Bewegung an, jetzt sofort, und verpflichten Sie sich, ein Teil davon zu
sein.
Anmerkung
1. Ted Postol: Die verhängnisvolle Gefahr der Atomwaffe,
Beitrag am 24. Oktober 2025 beim 125. Treffen der Internationalen Friedenskoalition (IPC).
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