Das Recht auf Entwicklung muß die internationalen Beziehungen festigen
Von Chérine Sultan
Chérine Sultan ist Mitglied der Solidarité & Progrès. Im 3. Abschnitt der Pariser Konferenz sagte sie folgendes. (Übersetzung aus
dem Französischen.)
In Äthiopien wurde gerade der Renaissance-Staudamm eingeweiht, was beweist,
daß Hindernisse für den Bau großer Infrastrukturprojekte überwunden werden
können.
Unsere Mittel, um solche Revolutionen herbeizuführen, bestehen darin, wieder
die Begeisterung der Bürger zu wecken und der Industrie neue Impulse für die
internationale Zusammenarbeit zu geben. In den kommenden Tagen werden wir an der
Basis arbeiten und mit unseren Schriften und Flugblättern den Bürgern eine
Vision für die Zukunft vorstellen.
Ich möchte auch Ihnen diese Frage stellen: „Welche Projekte mit globaler
Wirkung würden Sie gerne in zehn Jahren verwirklicht sehen? Und in 50
Jahren?“
Dreht Ihre Vorstellung in Ihrer Antwort sich um den Zugang zu sauberem Wasser
und Nahrungsmitteln? Auf den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung? Auf
das Wahlsystem und die Funktionsweise der Medien? Listen Sie all diese Punkte in
der Reihenfolge ihrer Priorität auf? Sind Sie der Meinung, daß wir diese
Schritte nacheinander umsetzen müssen? Haben für Sie die Erfordernisse
Priorität, die Ihrer Meinung nach für eine wachsende oder schrumpfende
Weltbevölkerung erfüllt werden müssen?
All diese Fragen sollen Sie dazu anregen, sich ein wenig mit sich selbst
auseinanderzusetzen. Ein philosophischer Ansatz, der in Sokrates‘ eindringlichem
Satz „Erkenne dich selbst“ zusammengefaßt ist, den der abgewählte Präsident
Nicolas Sarkozy für sich beanspruchte... Aber nicht jeder kann Philosoph sein,
und wir sehen, wohin ihn das geführt hat [Sarkozy wurde kürzlich zu einer
Gefängnisstrafe verurteilt].
Als wir letztes Jahr unsere Broschüre über Friedensinitiativen und Pläne zur
Beendigung des Krieges in der Ukraine erstellten, betonten wir bewußt das
Konzept „Frieden durch Entwicklung“. Bei meinen Recherchen stieß ich auf den
Begriff des „Rechts auf Entwicklung“, den Jean Ziegler in seinem Buch Die
neuen Herrscher der Welt erwähnt.
Das Recht auf Entwicklung ist ein Menschenrecht
Die Verweigerung des Rechts auf Entwicklung als integraler Bestandteil der
Menschenrechte ist eines der hartnäckigen Hindernisse für die Verwirklichung
großer Infrastrukturprojekte. Die Geschichte dieses Rechts und der
Menschenrechte allgemein veranschaulicht die Schwierigkeiten der Menschheit,
Einheit in Vielfalt zu erreichen. Eine gemeinsame Sprache zum Wohle aller steckt
noch in den Kinderschuhen.
Ein Dokument von Azzouz Kerdoun, dem verstorbenen stellvertretenden
Vorsitzenden des UN-Ausschusses für wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Rechte, gibt einen kurzen Überblick über die Geschichte des Rechts auf
Entwicklung als Menschenrecht. Es führt die Grundsatzerklärung auf die
Erklärung von Philadelphia aus dem Jahr 1944 zurück, in der die Ziele der
Internationalen Arbeitsorganisation definiert sind.
Die ersten Referenztexte sind die Charta der Vereinten Nationen von
1945 (Artikel 55 und 56) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
von 1948 (Artikel 22). Diese Dokumente listen auch die Menschenrechte
erschöpfend auf und beschreiben sie als „gleich und unveräußerlich”.
Leider konnte der Kalte Krieg, eine Zeit der Spaltung, diese Rechte nicht für
alle durchsetzen. Bereits 1966 gab es zwei Kategorien von Menschenrechten: Auf
der einen Seite stand der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale
und kulturelle Rechte, den die Vereinigten Staaten 1977 unterzeichnet, aber
nicht ratifiziert haben, und auf der anderen Seite stand der Internationale
Pakt über bürgerliche und politische Rechte, den China 1998 unterzeichnet,
aber nicht ratifiziert hat. Menschenrechte – die wir als universell „gleich und
unveräußerlich” bezeichnet haben? Bis dahin hinderte eine flüchtige Lektüre der
Begriffe „gleiche und unveräußerliche Rechte” bestimmte Staaten offensichtlich
nicht daran, sich Freiheiten bei ihrer Auslegung zu nehmen.
Später, im Jahr 1968, dem Internationalen Jahr der Menschenrechte, wurde die
Teheraner Konferenz organisiert, um den 20. Jahrestag der Allgemeinen
Erklärung von 1948 zu begehen. Ihr Ziel war es, die Fortschritte bei der
Umsetzung der Menschenrechte zu bewerten und „insbesondere die Beseitigung der
Apartheid zu ermöglichen”. Es sei darauf hingewiesen, daß „die Konferenz während
ihrer ersten Sitzung auf Vorschlag der ugandischen Delegation eine
Schweigeminute zum Gedenken an Pastor Martin Luther King einlegte”.
Um ihre Ziele zu erreichen, wurde das Vokabular der UNO nach und nach um neue
Qualifikationen erweitert. Menschenrechte wurden ausdrücklich als „unteilbar”
bezeichnet.
Der ehemalige Präsident Costa Ricas, José Figueres, wurde beauftragt, eine
Studie mit dem Titel „Die wirtschaftlichen Grundlagen der Menschenrechte“ zu
erstellen, um die Konferenz in Teheran zu informieren. Seine Studie vertieft die
Überlegungen, indem sie Verbindungen zwischen den Prozessen herstellt. Hier ist
seine Schlußfolgerung: „Frieden wird die Entwicklung fördern. Entwicklung wird
Frieden schaffen. Das eine ist sowohl Ursache als auch Ergebnis des
anderen.“
Die Bereicherung des semantischen Feldes der Menschenrechte war ein Versuch,
eine zerbrochene Welt wieder zu versöhnen. Die Resolution XXI der
Teheraner Konferenz, die „alle Staaten auffordert, so bald wie möglich den
Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sowie
den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und sein
Fakultativprotokoll zu unterzeichnen und zu ratifizieren”, fügte den
Grundrechten und Freiheiten sogar das Attribut „interdependent” (voneinander
abhängig) hinzu, um ihre Argumentation zu untermauern. Die Wirkung scheint nicht
überzeugend gewesen zu sein.
Die lexikalische Kreativität hatte zu diesem Zeitpunkt möglicherweise ihre
Grenzen erreicht, und die UNO ging zu einer weiteren Stufe in ihrem Bestreben
über, die Einheit zu formalisieren. Sie plante daher die Ausarbeitung einer
Erklärung über das Recht auf Entwicklung. Dies geschah 1986, wobei die
„gleiche Dringlichkeit“ der Verwirklichung der bürgerlichen, politischen,
wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte hervorgehoben wurde. Welches
Land stimmte dagegen? Die Vereinigten Staaten.
Kerdoun schreibt das Konzept des Rechts auf Entwicklung Kéba Mbaye zu,
Präsident des Obersten Gerichtshofs von Senegal und Mitglied des Internationalen
Gerichtshofs, der es 1972 in seiner Eröffnungsrede auf einem Seminar in
Straßburg vorstellte. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um die heute
anwesenden Vertreter des afrikanischen Kontinents zu bitten, ihr Wissen zu
diesem Thema mit uns zu teilen.
Die nächste Etappe beginnt mit dem Fall der Berliner Mauer, einem Ereignis,
das die Ideale der Vereinten Nationen wiederbelebte, die Hoffnung in die
Einberufung einer neuen Konferenz der Vereinten Nationen über Menschenrechte
setzten. Auf diese Konferenz bezieht sich Jean Ziegler in dem erwähnten Buch.
Die Erklärung über das Recht auf Entwicklung war eine grundlegende Referenz für
die Erklärung und das Aktionsprogramm der Wiener Konferenz von 1993. Sie
faßte die Schritte, die ich Ihnen vorgestellt habe, in Artikel 5 zusammen: „Alle
Menschenrechte sind universell, unteilbar, voneinander abhängig und miteinander
verbunden.“ Es sei darauf hingewiesen, daß Artikel 12 die „Verringerung der
Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer“ fordert.
Welches Land hat dies nicht angenommen? Die Vereinigten Staaten. Ich möchte
diese Gelegenheit nutzen, um die heute hier anwesenden Vertreter der USA zu
bitten, sich zum lebendigen Erbe des Geistes der Erklärung von Philadelphia von
1944 zu bekennen.
Das waren die groben Umrisse dieser Geschichte des Rechts auf Entwicklung als
Menschenrecht. Beredsamkeit und Rhetorik sind nur die kleinen Schwestern der
Vernunft. Der beste Weg, andere zu verstehen, ist immer noch, hinauszugehen,
sich in den Wahlkampf zu stürzen oder einfach Flugblätter zu verteilen, wie wir
es in den kommenden Tagen tun werden. Zeigen Sie Ihre Bereitschaft zur Teilnahme
und melden sich bei den Aktivisten von Solidarité et Progrès!
|