Die Rolle der Infrastruktur beim (Wieder-)Aufbau der Wirtschaft
Von Rainer Apel
Im Krisenforum des Schiller-Instituts „Der freie Fall der
deutschen Wirtschaft muß gestoppt werden! Deutschland muß vor dem Ausverkauf
gerettet werden!“ am 1. September hielt der Journalist Rainer Apel den folgenden
Vortrag. (Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.)
Infrastruktur, das ist wichtig zu betonen, ist etwas, was offenbar ein
Fremdwort ist oder zumindest nicht verstanden wird von den heutigen politischen
Eliten. Denn das, was die Krise in Deutschland gerade beinhaltet, ist die mehr
oder weniger systematische Zerstörung der infrastrukturellen Grundlagen einer
führenden Exportnation und Hochtechniknation.
Und das ist natürlich totaler Irrsinn. Zum Beispiel in der Energiedebatte –
daß erst der Ausstieg aus der Atomenergie erklärt wurde, das waren 26% des
damaligen Energiemixes; dann aus der Kohle, nochmal 30% des Energiemixes; und
dann das russische Gas, das für 40% des Energiemixes verantwortlich ist. Das
sind fast 100% des Energiezuflusses, die abgesägt wurden und nur zum Teil
ersetzt wurden durch LNG-Importe – aber zu erheblich höheren Kosten! Und das
kann man einfach nicht machen, denn auf der Grundlage von Sonne und Wind und
Biomasse läßt sich keine Industrienation betreiben. Und das ist es, was wir
jetzt merken.
Die Deindustrialisierung und diese Proteste müssen gestoppt werden, denn
irgendwann kommt der Punkt, wo die Lage unumkehrbar ist. Wir können vielleicht
an das Ende des Römischen Reiches erinnern: Es gab ja viel Ingenieurwissen, auch
in römischer Zeit, große Projekte, Infrastrukturprojekte. Aber als die Dekadenz
fortgeschritten war, waren nicht mehr genügend Leute da, um das in Gang zu
halten, und für Hunderte von Jahren sind dann die Wasserkanäle, die Brücken, die
Straßenbauten verkommen. Und das ist eigentlich das, worauf wir blicken, wenn es
so weitergeht.
Wie Deutschlands Industrien aufgebaut wurden
Es könnte vielleicht helfen, wenn man wieder an große Projekte erinnert, die
Deutschland zu dem gemacht haben, was es ja lange Zeit war und zum Teil heute
noch ist: eine führende Industrienation in der Welt. Und das ist die Entwicklung
der Wasserstraßen.
© Wikimedia Commons/cc0
Abb. 1: Die von Johann Gottfried Tulla geplante Begradigung des Rheins
zwischen Basel und Bingen erleichterte die Schiffahrt auf dem Oberrhein.
Da ist ganz wichtig die Aktivität von Johann Gottfried Tulla bei der
Begradigung des Rheins. Der Rhein war Anfang des 19. Jahrhunderts eine einzige
„Schlangengrube“, zumindest sah ein Luftbild der damaligen Zeit aus, daß der
Rhein viele Schlingen hatte (Abbildung 1) und somit sehr viel von dem
Wasser verloren ging.
Die Idee von Tulla in seinem Vorschlag von 1809 war eine wesentliche
Vereinfachung des Ganzen. Tullas Idee war, den Rhein zwischen Basel und Bingen
zu begradigen, im wesentlichen, um die Transportmöglichkeiten auf dem Wasserweg
zu eröffnen. Und das war erstens sehr wichtig für die Entwicklung des
Ruhrgebiets, zweitens aber auch für große Industriekomplexe der Chemie, wie die
BASF – die Badische Anilin- und Sodafabrik – in Ludwigshafen mit Beziehung zu
Mannheim. Das ist eben vorwärts gekommen.
Leider hat es auch viele Widerstände gegeben. Zum Glück haben dann, in einer
absoluten Notsituation, wo die Naturkatastrophen im Zusammenhang mit dem
unregulierten Rhein zunahmen, sowohl die badische als auch die bayerische
Regierung beschlossen, diesen Plan umzusetzen, ohne Rücksicht auf die möglichen
Kosten. Das war vorher immer das Argument gewesen: „Es ist zu teuer, das können
wir nicht machen, niemand würde das befürworten.“ Sie haben es doch gemacht, und
es hat seinen Nutzen gehabt!
Später ist das dann erweitert worden, auch im Norden, durch Kanalbauten –
Weser-Ems-Kanal, Dortmund-Ems-Kanal usw. –, wo dann die Kohle, die im Ruhrgebiet
gefördert wurde und dort zum Entstehen des Schwerindustrie-Zentrums von
Deutschland beigetragen hat, und die Erzvorkommen verschifft werden konnten über
den Mittellandkanal, bis nach Mitteldeutschland und Ostdeutschland. Das hat sehr
viel beigetragen. Die Entwicklung der Wasserwege ist also absolut wichtig.
Das zweite war die Tätigkeit von Friedrich List. List war im Exil in Amerika,
er war politischer Häftling, wurde aber dann freigelassen unter der Bedingung,
in die USA auszuwandern, und dort hat er ab 1828 im Eisenbahnbau mitgeholfen und
hat dort viel gelernt und die Erkenntnisse nach Deutschland gebracht. Er hat
einen Entwurf gemacht für ein Eisenbahnnetz in Deutschland, das die
wirtschaftliche Entwicklung, genauso wie auch die Entwicklung in den USA
vorangekommen war, vorantreiben würde. Eine Schrift von ihm ist der Entwurf
einer sächsischen Eisenbahn zwischen Dresden und Leipzig, das war dann ein
Kernstück. Gedacht war aber an ein deutschlandweites Netz von Eisenbahnen,
verstärkt in ihrem Effekt durch eine Zollunion.
Das war wichtig. Der Eisenbahnbau hat neben den Wasserstraßen wesentlich dazu
beigetragen, daß dann die Wirtschaft und die Industrialisierung vorankamen. Es
war dann möglich, große Mengen von Wertstoffen und Materialien zu
transportieren, und das hat dazu beigetragen, daß die Industrie vorwärts kam.
Kurze Erinnerung: Der Anfang der Firma Siemens, heute ein Weltkonzern, lag
unter anderem darin, daß die Firma beim Bau der russischen Eisenbahnen tätig
war, vor allem in der Elektrifizierung und Signaltechnik. Daran muß man auch
noch mal erinnern, das wird immer so schnell vergessen.
Was versäumt wurde
Dies sind einige Kernpunkte der Infrastrukturgeschichte von Deutschland. Ich
erwähnte ja schon kurz die Widerstände, die leider auch immer da gewesen sind in
Deutschland. Wenn man sich z.B. daran erinnert, daß die ersten Patente für die
Magnetbahnen bereits 1934 vom Ingenieur Hermann Kemper angemeldet wurden, daß es
dann aber noch fast 60 Jahre gedauert hat, bis die ersten vorsichtigen Versuche,
Magnetschwebebahnen zu betreiben, gemacht wurden! Das Ganze ist dann wieder
abgewürgt worden, und die deutsche Magnetbahn lebt im Grunde weiter in China,
mit vielen deutschen Ingenieuren, die dort tätig sind.
Nun gut, vielleicht können wir das importieren aus China und das wieder
betreiben. Das wäre wichtig, denn der Eisenbahnverkehr hat sich verändert, die
Geschwindigkeiten müssen höher werden, und auch die Zuverlässigkeit. Die
Sicherheit wäre auch gegeben mit der berührungslosen Magnetschwebebahn. Und wenn
man alle – das ist mal errechnet worden in den 90er Jahren –, wenn man alle
Städte in Deutschland über 100.000 Einwohner verbinden würde, würde das ein
Magnetbahnnetz von 5500 Kilometer beinhalten. Natürlich sind die Kosten enorm,
aber es wäre ein erheblicher Fortschritt bei den Reisezeiten, bei den
Transportzeiten. Magnetschwebebahnen nicht nur für Personen, sondern auch für
Warentransporte wären möglich. Das sind alles Sachen, die gemacht werden
können.
Infrastrukturkrise
Die Infrastruktur ist sehr heruntergekommen in Deutschland, jahrelang,
jahrzehntelang hat man abgewunken: „Das ist nicht so wichtig, muß jetzt nicht
gemacht werden, machen wir später.“
Es gibt den letzten halbwegs zuverlässigen Bericht über die Infrastruktur in
Deutschland aus dem Jahr 2022, der wird alle vier Jahre gemacht, also wäre jetzt
eigentlich in diesem Jahr einer fällig. Nach dem Bericht von 2022 sind mehr als
7000 Kilometer Autobahnen in einem Zustand, daß sie reparaturbedürftig sind.
8000 Autobahnbrücken sind als unbedingt reparaturbedürftig klassifiziert worden.
Insgesamt 10.000 weitere Brücken an Bundesstraßen und regionalen Fahrwegen
müssen repariert werden. Es gibt 60.000 städtische Brücken – jede Stadt hat ja
Brücken –, insgesamt 60.000 gibt es in Deutschland, und die meisten von denen
sind sehr alt und müssen repariert bzw. ganz neu gebaut werden. Da sieht man mal
die Dimensionen. Außerdem 17.000 Kilometer – es sind wahrscheinlich inzwischen
noch mehr geworden –, 17.000 Schienenkilometer der Eisenbahnen.
Das sind erhebliche Beträge, die Deutschland investieren müßte. Sie liegen
über dem sogenannten „Sondervermögen“ für die Infrastruktur, das ja im letzten
Jahr verabschiedet wurde – allerdings um den Preis, daß die Grünen darauf
bestanden, 100 Milliarden von den 500 Milliarden für das „Klima“ abzuzweigen.
Der Rest ist teilweise auch im Stopfen von Löchern verschwunden, ging also nicht
in die Finanzierung von neuen Projekten, das hat der Bundesrechnungshof
festgestellt und moniert. Und die Kosten für die Infrastruktur sind tatsächlich
eher 2 Billionen Euro, also viermal so viel, wie im letzten Jahr beschlossen
wurde.
Das ist allein für die Infrastruktur, wie ich sie genannt habe, und es kommt
noch anderes dazu: die Versorgung mit Trinkwasser, die Entsorgung von Abwasser,
und dann die Ertüchtigung der Wasserwege, die dringlich ist. Denn in vielen
Fällen ist der Umstieg auf den Wasserweg bei großen Schuttgütern, die nicht mit
dem Lastwagen transportiert werden sollten, unsinnigerweise nicht möglich, weil
die Schleusen überaltert sind, und auch hierfür ist immer überhaupt kein Geld da
gewesen.
Mögliche Beteiligung an Projekten im Ausland
Man kann auch nach draußen blicken mit den Erfahrungen, wie die Infrastruktur
zum Fortschritt beigetragen hat. Mit den Erfahrungen ließe sich eine
Außenwirtschaftspolitik betreiben, die Deutschland ermöglichen wird, in vielen
Fällen die Produktion – zum Beispiel im Automobilsektor für Nutzfahrzeuge –
vorrangig wieder hochzufahren und Arbeitsplätze zu sichern durch große Projekte
im Globalen Süden.
© The China-Global South Project (CGSP)
Abb. 2: Der vorgeschlagene Lobito-Korridor
© Wikimedia Commons/Sémhur, CC BY-SA 4.0
Abb. 3: Die Wasserkraftwerke des Grand-Inga-Projekts hätten eine
installierte Leistung von etwa 42 GW und könnten den Strombedarf
von 12 Ländern der Region decken.
Ich kann nur zwei Dinge ganz kurz erwähnen. Das eine ist der Lobito-Korridor,
das ist in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola (siehe Abbildung
2). Der Lobito-Korridor führt vom Atlantik herein nach Zentralafrika und
wird zum Teil unterstützt von Europa, mit der Idee, daß damit der Transport von
Rohstoffen nach Europa besser und schneller zu bewerkstelligen ist.
Viel wichtiger wäre aber, daß auf der gesamten Strecke – und das gilt vor
allem für den westlichen Teil des Lobito-Korridors – Industriebetriebe entstehen
würden. Und es besteht das Potential, weil hier Mineralien, Erze und andere
Wertstoffe in Überfluß zur Verfügung stehen in Zentralafrika, daß die dazu
beitragen, daß eine Art westafrikanisches Ruhrgebiet entstehen könnte, mit
demselben Leistungsprofil, wie wir das vom Ruhrgebiet gewohnt sind.
Das andere wurde von Helga Zepp-LaRouche schon erwähnt, ist Grand Inga, der
große Inga-Staudamm (siehe Abbildung 3). Hier könnte Deutschland
wassertechnische Bauten wie auch andere Bauten – die Deutschen haben ja z.B.
beim Bau des Drei-Schluchten-Dammes in China mitgewirkt –, sie könnten also
diese Erfahrung wieder hereinbringen.
Auf der Karte rechts unten sieht man die beiden Staudämme, die schon gebaut
sind, Inga 1 und 2. Was jetzt fehlt, sind die Abschnitte 3 bis 8, die würden im
unteren südwestlichen Teil auf der Karte einen riesigen See schaffen und die
Wasserkraft nutzbar machen. Die gesamte Produktivität des großen Inga-Dammes
wäre dann 42 Milliarden Gigawatt, und damit ließe sich der Stromdarf dieses
Teils von Afrika – das betrifft etwa zwölf Staaten – befriedigen und zur
Industrialisierung beitragen.
Ich muß kurz sagen, es ist in der Anfangszeit solcher Projekte sicherlich
notwendig, daß Europa, sprich auch Deutschland, sehr viel exportiert. Es muß
aber das Ziel sein, möglichst früh anzufangen mit dem Aufbau von eigenen
Industrien dort vor Ort – das ist auch der Wunsch der Afrikaner selbst –, und es
müssen auch die Arbeitskräfte trainiert werden, die dann diese Industrie und
entwickelte Wirtschaft später betreiben.
Das geschieht schon bei den Energieprojekten, die Siemens in Ägypten hat,
aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Das wäre in größerem Umfang sicherlich
wünschenswert, auch unter dem Aspekt, daß man immer betont, daß sich Europäer
und Afrikaner auf gleicher Augenhöhe begegnen. Das kann man sehr schnell
bewerkstelligen, indem man die afrikanische Entwicklung fördert und nach Kräften
unterstützt, und das sollte das Ziel der deutschen Wirtschaft sein.
Das verlangt natürlich ein Umdenken der Eliten. Aber vielleicht ist ja mal
jemand dabei, der sich doch mal dahinter hakt und noch mal zurückblickt auf die
Entwicklung des 19. Jahrhunderts, wie die deutsche Wirtschaft groß geworden ist.
Genau mit diesen Methoden kann sie auch wieder groß werden: gute
Energieversorgung, gute Transportmöglichkeiten, Präzision in der Produktion,
Zuverlässigkeit und hohes technisches Niveau, und ein großer Anteil von
qualifizierten Arbeitskräften, vor allem auch Ingenieuren.
Das ist das, was heute fehlt. Was überflüssig ist, sind die ganzen Grünen.
Ich weiß nicht, was man mit denen machen soll, aber auf alle Fälle sind sie
nicht von Nutzen für die Wirtschaft, das konnten wir sehen an dem Minister
Habeck, der von nichts eine Ahnung hatte, aber alles mit kaputt gemacht hat,
ganz besonders die Gasversorgung.
Dabei will ich es einmal belassen.
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