Die Zukunft Afghanistans – und vieler anderer Entwicklungsländer –
läßt sich nur gemeinsam gestalten
Von Daud Azimi
Daud Azimi ist Mitglied der Ibn-Sina-Forschungs- und
Entwicklungsorganisation (ISRAND). In der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts
hielt er am 31. Mai den folgenden Vortrag.
Meine Damen und Herren, ich freue mich, heute hier zu sein. Zunächst möchte ich
dem Schiller-Institut und insbesondere Frau Helga Zepp-LaRouche meinen aufrichtigen
Dank dafür aussprechen, daß sie uns die Gelegenheit geben, heute hier zu sprechen und
unsere Arbeit vorzustellen.
Wir schätzen diese wichtige Konferenz und ihren Fokus auf die dringende
Notwendigkeit einer neuen internationalen Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur
sehr. Wir sind überzeugt, daß diese Diskussion zum richtigen Zeitpunkt stattfindet
und von großer Bedeutung für die Zukunft vieler Entwicklungs- und Krisenländer ist,
darunter auch Afghanistan.
Mein Name ist Daud Azimi, und ich spreche heute im Namen der Ibn-Sina-Forschungs-
und Entwicklungsorganisation (ISRAND), einer unabhängigen, unpolitischen und
gemeinnützigen afghanischen Organisation, die sich dem Wissen, der Entwicklung und
der Zukunftsplanung widmet.
Es ist uns eine große Ehre, heute hier zu sein. Ich möchte diese Gelegenheit auch
nutzen, um dem Schiller-Institut für sein besonderes Engagement für Afghanistan zu
danken. Nach den politischen Veränderungen im Jahr 2021 hatten viele Afghanen das
Gefühl, daß ihr Land von der internationalen Gemeinschaft zunehmend vergessen wurde.
Mit der Initiative „Operation Ibn Sina“ setzte das Schiller-Institut ein wichtiges
Zeichen in Bezug auf den Wiederaufbau, die Infrastrukturentwicklung und die Schaffung
langfristiger Perspektiven für Afghanistan. Gemeinsam mit Partnern in Kabul konnten
wir diese Ideen auf einer Konferenz vorstellen und diskutieren. Die Resonanz war sehr
positiv. Rund 600 Männer und 200 Frauen nahmen an der Konferenz teil. Dafür möchten
wir dem Schiller-Institut unseren aufrichtigen Dank aussprechen.
Meine Damen und Herren, die Welt steht heute gleichzeitig vor zahlreichen
Herausforderungen: Kriege, Instabilität, wirtschaftliche Unsicherheit,
Energieprobleme, Klimarisiken, Migration und wachsende Armut. In vielen
Entwicklungsländern leiden die Menschen nicht nur unter mangelnder Sicherheit,
sondern auch unter Perspektivlosigkeit, schwachen Institutionen und eingeschränktem
Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.
Deshalb sind wir überzeugt, daß Sicherheit und Entwicklung nicht voneinander
getrennt werden können. Dauerhafte Stabilität entsteht nicht allein durch politische
oder militärische Maßnahmen. Sie erfordert wirtschaftliche Chancen, funktionierende
Institutionen, Infrastruktur, Bildung und die Möglichkeit für die Menschen, ihre
eigene Zukunft mitzugestalten.
Afghanistan veranschaulicht diese Realität besonders deutlich. Seit Jahrzehnten
leidet unser Land unter Krieg, Armut, zerstörter Infrastruktur und dem Verlust vieler
qualifizierter Fachkräfte. Trotz dieser Schwierigkeiten verfügt Afghanistan weiterhin
über ein enormes Potential: eine junge Bevölkerung, bedeutende natürliche Ressourcen,
eine strategisch günstige geographische Lage und viele Menschen, die lernen, arbeiten
und zum Aufbau ihres Landes beitragen wollen.
Was Afghanistan heute braucht, ist mehr als humanitäre Hilfe. Es braucht
langfristige Entwicklung, starke Institutionen, strategische Planung und verläßliche
Partnerschaften.
ISRAND wurde aus dieser Überzeugung heraus gegründet. Viele von uns haben erkannt,
daß Afghanistan mehr Raum für langfristiges Denken, Wissensaustausch und
Zukunftsplanung benötigt. Gerade in von Konflikten betroffenen Ländern gibt es oft
kaum Kapazitäten, sich mit langfristigen Strategien und nachhaltigen
Entwicklungsprozessen auseinanderzusetzen. Doch genau diese Faktoren sind
entscheidend, wenn ein Land dauerhafte Stabilität und Wohlstand erreichen soll.
Wir glauben, daß der Wiederaufbau Afghanistans mehr umfaßt als nur Straßen,
Brücken oder Gebäude. Er umfaßt auch die Entwicklung von Wissen, Fachkompetenz,
Vertrauen und effektiven Institutionen. Deshalb bringen wir afghanische Fachkräfte
aus verschiedenen Regionen, ethnischen Gruppen und Berufsfeldern zusammen. Wir sind
überzeugt, daß die Vielfalt Afghanistans eine Stärke sein kann und daß die Zukunft
des Landes nur durch Zusammenarbeit gestaltet werden kann.
Unsere Organisation ist neutral und unpolitisch. Unser Fokus liegt auf
Entwicklung, Zusammenarbeit und dem Dienst am Menschen. Unabhängig von politischen
Veränderungen sollten Projekte, die Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und
wirtschaftliche Entwicklung fördern, fortgesetzt werden.
Wir arbeiten derzeit an mehreren Initiativen, darunter ein Energie-Masterplan für
Afghanistan. Energie ist eine der wichtigsten Grundlagen für wirtschaftliche
Entwicklung, Industrie, Landwirtschaft, Bildung, Gesundheitswesen und soziale
Stabilität. Darüber hinaus befassen wir uns mit Themen wie Gesundheit,
Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, berufliche Bildung, digitale Wissenssysteme und
langfristige Entwicklungsstrategien. Zudem bereiten wir eine Wirtschafts- und
Investitionskonferenz für Afghanistan vor. Sie soll als Plattform für Dialog,
Investitionen, Zusammenarbeit und Wiederaufbau dienen und verschiedene
Interessengruppen zusammenbringen. Wir sind überzeugt, daß der Wiederaufbau
Afghanistans die Zusammenarbeit vieler Partner erfordert: staatlicher Institutionen,
internationaler Organisationen, Forschungseinrichtungen, Investoren, Unternehmen und
lokaler Gemeinschaften.
Liebe Freunde, Afghanistan kann diesen Weg nicht alleine gehen. Es braucht
Zusammenarbeit, Wissensaustausch, technische Unterstützung und langfristige
Partnerschaften. Vor allem braucht es Menschen und Institutionen, die weiterhin daran
glauben, daß positiver Wandel möglich ist.
Afghanistan wird oft ausschließlich durch die Brille von Krieg und Krisen
wahrgenommen. Doch hinter diesen Schlagzeilen stehen Millionen von Menschen, die sich
nach Frieden, Würde, Bildung, Arbeit und einer besseren Zukunft für ihre Familien
sehnen. Es gibt zahlreiche afghanische Fachkräfte sowohl innerhalb als auch außerhalb
des Landes, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und zum Wiederaufbau
beizutragen, wenn die notwendigen Möglichkeiten geschaffen werden.
Nachhaltiger Frieden kann nicht allein von außen herbeigeführt werden. Er entsteht
durch Bildung, Vertrauen, wirtschaftliche Entwicklung, funktionierende Institutionen
und die aktive Beteiligung der Menschen selbst.
Meine Damen und Herren, wir sind noch eine junge Organisation. Wir erheben nicht
den Anspruch, alle Antworten zu kennen. Doch wir verfolgen unsere Mission mit
Aufrichtigkeit, Professionalität und dem festen Willen, einen konstruktiven Beitrag
zur Zukunft Afghanistans zu leisten.
Heute stellen wir nicht nur unsere Arbeit vor. Wir wollen Brücken bauen – zwischen
Afghanistan und der internationalen Gemeinschaft, zwischen Wissen und praktischer
Umsetzung sowie zwischen Herausforderungen und gemeinsamen Lösungen.
Wir hoffen, daß der heutige Tag den Beginn neuer Kooperationen, eines intensiveren
Dialogs und langfristiger Partnerschaften markieren kann. Denn die Zukunft
Afghanistans – und vieler anderer Entwicklungsländer – kann nur gemeinsam gestaltet
werden.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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