Staatsstreich in Permanenz
Die Zensur-Industrie und das Verwertungsmodell des digitalen Kriegs-Kapitalismus
Von Patrik Baab
Patrik Baab ist Journalist und Autor. In der Berliner Konferenz
des Schiller-Instituts am 30. Mai sagte er folgendes.
Verfassungsfragen sind Machtfragen, hat Ferdinand Lasalle geschrieben. Wer
also von einem Staatsstreich spricht, der stellt sich in der Regel einen Coup
d'État gegen die Verfassung vor. Was wir heute erleben, ist aber ein
Staatsstreich innerhalb der Verfassungsnorm: Die staatsrechtliche Hülle bleibt
erhalten, wird aber entkernt, der Ausnahmezustand und damit eine neue Form der
autoritären Staatsführung geht mit einer Art Demokratie-Simulation einher. Die
Suspendierung des Rechtsstaates findet innerhalb der Verfassung statt, die zu
einem Kokon reduziert ist, aus dem eine neue Diktatur schlüpft.
Ein Beispiel dafür sind die extralegalen Sanktionen gegen Einzelpersonen. Sie
werden aller Rechte beraubt, nicht durch Bruch oder Aufhebung des Rechtsstaates,
sondern unter Umgehung rechtsstaatlicher Verfahren, die formal erhalten, aber
zugleich durch eine Form der Willkür-Herrschaft ersetzt werden. Es handelt sich
also um die Einführung einer Diktatur auf Samtpfoten, deren Krallen für die
Mehrheit unsichtbar bleiben, aber umso wirksamer sind. Der Ausnahmezustand
wandelt sich, so Giorgio Agamben, „in eine ständige Praxis des Regierens.“
Der Begriff „Staatstreich in Permanenz“ stammt von Francois Mitterrand. Er
war gemünzt auf De Gaulles Verfassung der 5. Republik und gewinnt heute neue
Aktualität. Mitterrand kritisiert die zentralistische und autoritäre Machtfülle
des Präsidenten und beschreibt, wie aus einem initialen ein permanenter
Staatsstreich wird.
Der heutige Staatsterrorismus gegen Dissidenten, die sich beispielsweise in
Deutschland am Friedensgebot des Grundgesetzes orientieren, scheint mir also
durch den Begriff „Staatsstreich in Permanenz“ sinnvoll beschrieben.
Politische Verfolgung, Propaganda und Zensur gehen Hand in Hand. Zusammen
bilden sie ein „Herrschaftsinstrument zur Durchsetzung von wirtschaftlichen
Interessen, politischer Macht und kultureller Hegemonie“.
Initiiert wurde die Repressionsorgie gegen Kriegs- und Regierungs-Gegner von
der NATO. Bei ihrem Gipfel in Vilnius 2023 kündigten die Regierungen der
Mitgliedsstaaten an, bei der Bekämpfung sog. „Desinformation“ verstärkt mit der
EU zusammenzuarbeiten. Dies deutet darauf hin, daß die NATO bei der Bekämpfung
abweichender Meinungen im Hintergrund die Fäden zieht. Die EU schwenkte mit
ihrer im Juni 2024 verkündeten „Strategischen Agenda 2024-2029“ auf
Kriegstüchtigkeitskurs ein. Darin verspricht der EU-Rat, „die
Widerstandsfähigkeit (der EU) im Rahmen eines alle Gefahren und die gesamte
Gesellschaft umfassenden Ansatzes zu stärken“. Die EU wertet dabei alles, was
sie als „Desinformation“ ansieht, als Destabilisierungsversuch, und stellt dies
in eine Reihe mit Terrorismus und gewalttätigem Extremismus.
Damit wirken die ideologischen Apparate zusammen wie kommunizierende Röhren.
Das sind alle Apparate, welche die geistige Reproduktion der Gesellschaft
organisieren.
Die Aufgabe ideologischer Apparate ist es dem französischen Philosophen Louis
Althusser zufolge, die Loyalität zur marktwirtschaftlichen Ordnung und zur
staatlich verordneten Politik sicherzustellen. Zu diesen ideologischen Apparaten
zählen Schulen, Universitäten, Akademien, staatlich oder unternehmerisch
finanzierte Denkfabriken, staats- oder supranational finanzierte sog.
Nichtregierungs-Organisationen, Stiftungen, transatlantische Organisationen,
Vereine, Verbände und Parteien, öffentlich-rechtliche und Konzernmedien,
Faktenchecker – die eigentlich nicht Fakten, sondern die Kompatibilität mit
Propaganda-Narrativen checken –, Kirchen, Internet-Publikationen wie Wikipedia,
die Fälscherwerkstatt der Geheimdienste und Regierungen.
Ziel des Zusammenwirkens ideologischer und repressiver Staatsapparate ist es,
jeden mit Repressalien zu überziehen, der vom Propaganda- und Kriegskurs der
NATO-Regierungen abweicht. Gleichzeitig dienen sie dem Zweck, durch die
Statuierung eines Exempels Angst zu erzeugen und so vorauseilenden Gehorsam in
der Bevölkerung zu erzwingen.
Diese Erzeugung von Angst durch willkürliche Repressalien gegen Dissidenten
begann aber nicht erst mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24.
Februar 2024. Sie begann 2020 mit Corona und dem inszenierten Ausnahmezustand.
Mit Hilfe des Infektionsschutzes wurden auf dem Verordnungswege demokratische
Verfahren und individuelle Grundrechte außer Kraft gesetzt und damit die
Verfassung ausgehebelt. Durch die Mobilisierung der Angst sollte der Widerstand
der Bürger paralysiert werden. Die herrschende Oligarchie hat den Ausbruch der
Atemwegserkrankung zum Anlaß genommen, einen globalen Ausnahmezustand
auszurufen.
Kritiklosigkeit der Intellektuellen
Die Zensur-Industrie diffundiert in alle gesellschaftlichen Bereiche, weil
sie sich auf zwei soziale Träger stützen kann. Einer dieser sozialen Träger
wirkt als Transmissionsriemen der NATO und der USA – das sind transatlantisch
korrumpierte akademische Eliten. Der zweite soziale Träger ist das akademische
Prekariat.
Insbesondere in Zeiten kapitalistischer Krisen ist die „Kritiklosigkeit der
Intellektuellen hervorzuheben“. Ihre Funktion ist es insbesondere bei Umbrüchen
im Verwertungsmodell und bei Legitimationsproblemen, „die gesellschaftliche
Hegemonie einer Gruppe und ihre staatliche Herrschaft zu organisieren“,
insbesondere „für diejenigen Momente einer Befehls- und Führungskrise, in denen
der spontane Konsens eine Krise erleidet“.
Hintergrund ist die endemische Krise des Kapitalismus. Damit meine ich
zunächst die wachsende Investitionsschwäche, die sich in den zurückliegenden
Dekaden aufgebaut hat und die aus dem Problem der Überakkumulation entsteht. Es
gibt gleichsam zu viel Kapital. Überakkumulation bedeutet, daß die
Kapitalbesitzer keine langfristigen Anlagemöglichkeiten mehr finden, um die
erwünschten Renditen zu erzielen.
Der Neoliberalismus der 1980er Jahre brachte die Internationalisierung und
die globale Deregulierung des Finanzsystems. Die Finanzmärkte waren der Ort, wo
man angesichts der fallenden Profitrate in der Industrie noch schnelles Geld
machen konnte. Das Volumen der Transaktionen auf den Finanzmärkten übertraf
bereits 2016 die Umsätze im Waren- und Dienstleistungsbereich um mehr als das
Hundertfache. Durch die Bildung von Derivaten, also abgeleiteten und gebündelten
Wertpapieren, können Börsenwetten auf Kursschwankungen abgeschlossen werden.
Der Finanzkapitalismus entstand, weil die Profitraten in der Realwirtschaft
gesunken waren. Nun wurde er selbst zur Krisen-Ursache. Die Finanzkrise 2008
löste die bis dahin schärfste globale Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg aus
und führte wenig später zur Eurokrise, die bis heute nicht gelöst wurde. Da die
Finanzmärkte weitgehend zusammengebrochen waren, öffneten die Zentralbanken die
Schleusen und überfluteten das System mit Geldmitteln.
Die Finanzkrise stellt einen Wendepunkt dar, an dem zwei entscheidende
strukturelle Veränderungen im Finanzsystem einsetzten: eine Verlagerung von
faulen Krediten zu Staatsanleihen und von Banken ins Schattenbanken-System.
Die Rettung der Banken mit dem Geld der Steuerzahler hat, so die Bank für
Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, dazu geführt, daß die Risiken im
Bankensektor abgenommen haben, während gleichzeitig die Schuldenlast der Staaten
angestiegen ist wie noch nie in Friedenszeiten. Gleichzeitig ist das
Fondsvermögen aus den Bankbilanzen abgewandert, während es bei Hedgefonds,
Investment-Fonds, Pensionsfonds, Versicherungen und Finanzinvestoren dramatisch
gestiegen ist. Das steigert die Risiken, denn im Schattenbankensystem werden
Anlagen oft mit Derivat-Mechanismen gehebelt, um Kursschwankungen optimal
auszunutzen und gleichzeitig das Eigenkapital zu entlasten. Dies steigert die
Gefahr prozyklischer Notverkäufe und kann die staatlichen
Refinanzierungsbedingungen erschüttern.
Der Übergang zum Digitalen Kapitalismus, der sich nun „auf den rauchenden
Ruinen des Neoliberalismus“ erhebt, bringt einschneidende Veränderungen im
Bereich der Finanzmärkte und im Produktionssektor.
Auf den Finanzmärkten beschleunigt sich der Handel durch den Einsatz
künstlicher Intelligenz und erhöht damit die Risiken. Durch die
Blockchain-Technologie entstehen neue Handels- und Spekulationsplattformen, die
sich staatlicher Kontrolle bislang entziehen. Er führt aber nicht in das
Absterben des Kapitalismus, sondern in die Radikalisierung seiner grundlegenden
Mechanismen. Er beschleunigt die Konzentration des Kapitals und die Entstehung
sozialer Ungleichheit.
In der digitalisierten Realwirtschaft verändern sich Wertschöpfung und
Warenzirkulation ebenfalls radikal. Im Zentrum stehen nun proprietäre Märkte.
Ihre Leitunternehmen sind Google, Apple, Facebook, Amazon, allesamt Monopole.
„Klassische Monopolunternehmen agieren auf Märkten“, so Philipp Staab, „die
Leitmedien des Digitalen Kapitalismus hingegen SIND Märkte“. Der Markt selbst
wird privatisiert.
Das ist ein konstitutiver Unterschied zur neoliberalen Ideologie, in deren
Zentrum neutrale Märkte stehen: Die dominanten Märkte befinden sich in
Privatbesitz. Entscheidend für sie ist die Reichweite, also die Größe des
Nutzerstammes. Um Reichweite zu generieren, werden die Angebote aus anderen
Geschäftsfeldern quersubventioniert. Die Konsumenten werden mit vordergründigen
Umsonst-Angeboten geködert, die sie aber hinterrücks mit der Abgabe ihrer Daten
bezahlen: Wenn ein Produkt nichts kostet, dann ist der Nutzer das Produkt.
Anders als klassische Monopole zeigt sich die Macht des Marktbesitzers und
damit sein Profitmodell in vier Formen der Kontrolle: erstens in Informationen,
dem zentralen Rohstoff; zweitens in Zugangskontrolle nach eigenem Ermessen;
drittens in der Wahl der Leistungen; viertens in der Preiskontrolle – und zwar
in Richtung auf Produzenten und Konsumenten.
Nachdem der Neoliberalismus die Beschäftigungsverhältnisse schon weitgehend
liberalisiert und prekarisiert hat, kommen nun neue Risiken und
Leistungsverdichtungen hinzu: In Fertigung und Vertrieb wird Digitalisierung zur
Rationalisierung und zum Stellenabbau genutzt. Während also die Daten- und
Profit-Kaskaden nach oben hin zu den Plattformen fließen, fließen die
„Risiko-Kaskaden“ vor allem nach unten.
Dazu kommt ein massiver Stellenabbau, der durch den Einsatz künstlicher
Intelligenz ausgelöst wird. Dem Bericht „Mercer Global Talent Trends 2026“ der
Beratungsfirma Mercer zufolge sehen 63 Prozent der befragten Führungskräfte in
der Künstlichen Intelligenz die Möglichkeit, Arbeitsabläufe zu automatisieren
und die Rendite zu steigern.
Auf der Konsumentenseite ermöglichen das Internet und die sozialen Medien –
Twitter, Facebook, Instagram – eine schnelle unmittelbare Reaktion. Dies
erleichtert es dem Affekt, sich vor die gründliche Durchdringung und Abwägung
der Themen zu schieben. Vernunftgeleitete Reaktion und Verarbeitung treten
hinter Schnelligkeit und Emotionalisierung zurück.
Wolf-Dieter Narr beobachtete schon vor Jahren einen langfristig wirkenden
Verhaltenswandel. Er besteht „in einem Schwund der individuell gegebenen
Reflexions- und Verarbeitungs-mechanismen“: „Reize und Erwartungen erzeugen
Antworten, ohne daß der einzelne zur eigenen Verarbeitung, zur Wahl, zum
Widerstand in der Lage wäre.“
Haßerzeugung als Geschäftsmodell
Diese Prognose gewinnt im Übergang vom Neoliberalismus zum Digitalen
Kapitalismus besondere Bedeutung. Denn, darauf hat Wolfgang Engler hingewiesen:
„In allen vom Neoliberalismus umgegrabenen Gesellschaften herrscht massenhafte
Wut.“ Sie richtet sich gegen die Machteliten, die Lohnabhänge zunehmend durch
Sozialkürzungen, Privatisierung, Liberalisierung und eine Verschiebung der
Verantwortung für die Lebensrisiken vom Staat auf die Individuen unter Druck
gebracht haben.
Bleibt diese Wut im alltäglichen Daseinskampf lange verkapselt, so wird die
Emotionalisierung und Affektsteuerung der sozialen Medien zum Ventil der
Triebabfuhr.
Damit die Monetarisierung von Ressentiments überhaupt funktionieren kann, muß
sie eine emotionale Nachfrage beim Publikum stimulieren. Beide, Produzenten und
Konsumenten, profitieren oberflächlich: Die einen durch Klickzahlen, die anderen
durch Triebabfuhr:
Auf diese Weise ist ein neues mediales Verwertungsmodell entstanden. Es ist
nicht mehr in erster Linie informationsbasiert, sondern Ressentiment-getrieben.
Im Kern geht es hier also darum, Ressentiments zu monetarisieren. Oder kurz:
Haßerzeugung als Geschäftsmodell. Diese Monetarisierung von Ressentiments läuft
v. a. über proprietäre Märkte. Dienste wie Twitter, auf denen sich fast
ausschließlich die Meinungsbildung der Geschwätz-Eliten vollzieht, treiben dies
an. Die Kürze erzwingt Zuspitzung und Kompression der Erregungskurven.
Dies ist ganz im Sinne der Machteliten, die wissen, daß sich die von ihnen
ausgelöste Wut keinesfalls gegen sie selbst richten darf. Deshalb fördern sie
durch Propaganda die Aggressionsverschiebung auf innere Feinde wie angebliche
Verschwörungstheoretiker, Rechte oder Corona-Schwurbler, oder äußere Gegner, z.
B. durch die Weckung von Russenhaß und Putin-Dämonisierung. Die politische
Ökonomie des Ressentiments begünstigt die Mobilisierung der Angst und die
Politik der Ausgrenzung, der sich die Machteliten zur Lenkung der Gesellschaft
und als Regierungstechnik bedienen.
In der Summe erleben wir derzeit eine Multikrise, eine multiple Sklerose des
Kapitalsystems: Überakkumulations- und Finanzkrise, Krise des Nationalstaats,
Bildungskrise, soziale Krise, Krise der Demokratie und Legitimationskrise. „Das
Kapitalsystem“, so Andrej Fursow, steht „jetzt vor einer systemischen,
endgültigen Krise“.
Fursow weist darauf hin, daß der Kapitalismus ein expansives System
darstellt, das sich ausbreitet und so die Krise und die Ausbeutung
externalisiert. Um dem Fall der Profitrate entgegenzuwirken, verleibt sich das
Kapital Randzonen der Rohstoffgewinnung und der Billigarbeit ein. Mit dem
Zerfall des sozialistischen Lagers verschwanden aber diese nichtkapitalistischen
Randzonen. Der Kapitalismus umfaßt heute den gesamten Globus. Damit gibt es
keine Expansionsmöglichkeiten mehr. Jetzt steht die Intensivierung des
Kapitalismus auf der Tagesordnung.
Deshalb intensiviert sich die Kapital-Verwertung durch Erschließung von vier
Bereichen:
Erstens startet das Kapital einen Angriff auf die menschliche
Gesundheit.
Zweitens geschieht ein Angriff auf die menschliche
Reproduktion: Andrej Fursow zählt die Bevölkerungs-Reduktion zu den
zentralen Elite-Projekten.
Drittens der Angriff auf das menschliche Gehirn: Wir erleben
derzeit einen Prozeß der Ent-Rationalisierung und der „Zerstörung der Vernunft“.
Die Zerstörung des Bildungssystems schreitet voran. Die hohe Anzahl von Kindern
und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Europa macht es unter den
bestehenden Bedingungen unmöglich, das Wissens-Niveau aufrecht zu erhalten.
Wir erleben eine Krise der Tradierung, die auch etwas mit dem Vordringen
audiovisueller Medien in den Alltag und dem Zurückdrängen der Schrift zu tun
hat. Jedes Medium ordnet seine Informationen nach bestimmten Prinzipien an.
In unserer Kultur ist die Schrift nur noch eine mediale Ausdrucksform unter
anderen, nicht mehr die Ausdrucksform, nach der sich die Gesellschaft
ausrichtet. Für eine bestimmte Art des Denkens und der Darstellung ist die
Schrift aber nicht hintergehbar. Das bedeutet für die Gegenwart, in der in der
westlichen Hemisphäre die visuellen Medien zu Leitmedien geworden sind, daß die
Wahrheit an die Oberfläche rutscht, während das Wort als obsolet erscheint. Wir
erleben den Prozeß einer Ent-Analphabetisierung. Aber die visuelle Oberfläche
ist mit den Mitteln der Digitalität und Künstlichen Intelligenz leicht
manipulierbar, wenn nicht gar technisch reproduzierbar. Die Welt der Bilder ist
eine postfaktische Welt. Denn die Bilder haben spätestens durch den Einsatz von
Künstlicher Intelligenz ihre mimetische Funktion verloren.
Der vierte Bereich ist die Blut- und Knochenmühle. Der
Verwertungsmechanismus des Kapitals, bei dem Expansionsdrang und Intensivierung
zusammenfallen, ist der Krieg. Für den krisenhaften Finanzkapitalismus, in dem
sich das Verhältnis von eingesetztem Kapital zum Gewinn verschlechtert und damit
die Profitrate fällt, ist sie eine Form blutiger Konkursverschleppung. Werden
Kriege erfolgreich geführt, können neue Ressourcen und Mineralien wie Öl, Gas,
Seltene Erden oder Schwarzerde-Böden, wie sie in der Ukraine vorkommen, neue
billige Arbeitskräfte und neue Absatzmärkte sowie geostrategische
Schlüsselpositionen erobert werden. In jedem Falle ist der Krieg eine
Geldwaschanlage, in der das Geld in einer Flut von Leichen aus den Taschen der
Bürger in jene des Finanzkapitals gespült wird. Grundsätzlich wird Kapital
zerstört und die ursprüngliche Akkumulation kann wieder beginnen.
In der Summe geht es also nicht darum, Kriege zu gewinnen. Aus der
Perspektive des Kapitals geht es darum, daß Kriege andauern, weil sie
hochprofitabel sind.
Beim Krieg in der Ukraine ging es von Anfang an darum, den russischen
Konkurrenten vom Energiemarkt zu verdrängen und neue Profite zu generieren.
In dieser Multikrise zeigen sich eine Reihe von Trends, die den Kapitalismus,
wie wir ihn kennen, transformieren und die nationalstaatlichen und
parlamentarischen Strukturen entkernen. Auf den rauchenden Trümmern des
Neoliberalismus und hinter den demokratischen Fassaden des Parlamentarismus
entsteht eine neue Form der Elitenherrschaft, die geprägt ist von einer
Radikalisierung der Klassenspaltung, Zerschlagung der Demokratie und rasendem
Irrationalismus.
Sechs Transformationsprozesse
Ich erkenne folgende sechs Transformationsprozesse:
1. Ent-Industrialisierung und Finanzialisierung: Der Kapitalismus in
den europäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten hat seine
kernindustrielle Basis weitgehend verloren. Die Fertigungsstrecken sind verlegt
worden nach Asien, v.a. nach China, im Mikroelektronik-Bereich auch nach Korea
und Taiwan. Der langfristige Fall der Profitrate sorgt für ein Anti-Wachstum.
Der Finanz-Kapitalismus erhöht die systemischen Risiken und ist ein Motor der
Ungleichheit. Er beschleunigt die Suche nach neuen Sicherheiten für alte, faule
Kredite. „Politisch-militärischer Notstand und ökonomische Krise fallen
zusammen.“
2. Ent-Liberalisierung des Marktes und Digitalisierung: Der zentrale
Steuerungsmechanismus des Kapitalismus, der Markt, rückt bei den Leitunternehmen
des digitalen Kapitalismus in private Hände. Der Digitale Kapitalismus ist ein
Motor der Ausbeutung und befindet sich im Konflikt mit der Demokratie. Kein
Bereich ist heute so gut überwacht und kontrolliert wie das Internet. In den
Worten von Palantir-Gründer Peter Thiel: „Ich glaube nicht mehr, daß Freiheit
und Demokratie miteinander vereinbar sind.“
3. Ent-Staatlichung und Supra-Nationalisierung: Wir erleben derzeit
die Sklerose der demokratischen Institutionen und des Parteiensystems. Die reale
Macht wandert in geschlossene Clubs und supranationale Strukturen usw. ab“ -
wie WHO, Europäische Union, NATO, Bilderberg-Treffen, US-gesteuerte und
-finanzierte Denkfabriken wie National Endowment for Democracy, USAID,
Brookings-Institution, Rand Corporation, Heritage Foundation, Atlantik-Brücke
usw. Supranationale Organisationen werden künftig eine wachsende Rolle spielen.
Sie entziehen der Bevölkerung der Nationalstaaten die verbliebenen Mitwirkungs-
und Kontrollmöglichkeiten und orchestrieren die Agenda einer exterritorialen
Elite.
4. Ent-Demokratisierung und Autokratisierung: Mit Sanktionen und
Zensur wird eine neue Form des Kontroll-Regimes ausprobiert. Diese Sanktionen
sind ein Vorgriff aufs Kriegsrecht und sollen offenbar die Bevölkerung an eine
neue Willkür-Herrschaft gewöhnen, die dann mit der Ausrufung des Spannungsfalles
komplettiert werden kann. Damit wollen transatlantisch korrumpierte,
transnationale Eliten ihre Macht stabilisieren bei gleichzeitiger
Aufrechterhaltung der Fassaden-Demokratie. Dies ist der Staatsstreich in
Permanenz, den ich in Anlehnung an Francois Mitterrand erwähnt habe.
5. Ent-Rationalisierung und Ent-Alphabetisierung: Die
Zerschlagung des Bildungssystems, die Digitalisierung und die kognitive
Kriegsführung der NATO leisten einer Zerstörung der Vernunft Vorschub. Der
Universalitätsanspruch der Aufklärung und die Orientierung am rationalen Diskurs
wird ersetzt durch identitäres Denken, das referenziert auf den Geltungsanspruch
der eigenen Gruppe und diesen Sozialverband über andere stellt, was den Übergang
bildet zu Rassismus und seiner speziellen Ausformung, der Russophobie. Durch die
Nutzung Künstlicher Intelligenz wird die Informationsbeschaffung auf den
Mainstream festgelegt, wildes Denken wird ausgeschieden, unerwünschte
Informationen ausgeblendet. Die KI dient also nicht der Entfesselung der
Intelligenz, sondern der administrativen Denk- und Verhaltenskontrolle durch die
Eliten. Dies läuft aus in eine neue Zeit der Ent-Alphabetisierung zumindest in
den westlichen Kulturen.
6. Ent-Zivilisierung, Militarisierung und Rückfall in die Barbarei:
Die Zerstörung der Zivilgesellschaft und ihre Involution durch staatlich
bezahlte Nichtregierungs-Organisationen („Government Organized Non Government
Organisations“) wird begleitet vom Umbau gesellschaftlicher Institutionen und
Organisationen zu Transmissionsriemen der Machteliten. Gemeinsam transportieren
sie Propaganda-Narrative zur Aggressionsverschiebung auf einzelne soziale
Gruppen oder Externalisierung auf äußere Gegner im Dienst einer Politik der
Spaltung. Mit Formulierungen wie: „Die“ Russen haben einen „anderen Bezug“ zur
Gewalt und zum Tod oder „Russen sind Tiere, Schweine“, mit dem Verbot russischer
Fahnen und Abzeichen bei Gedenktagen wird Russophobie als eine Spielart des
Rassismus wieder alltagstauglich und mehrheitsfähig gemacht. Die Affekt-Ökonomie
und das implementierte identitäre Denken sorgen für einen zivilisatorischen
Regress in ressentimentgetriebene Provinzialität, niedere Instinkte und eine
Renaissance der Barbarei.
Auf den rauchenden Trümmern des Neoliberalismus entsteht also etwas Neues,
das mit Digitalem Kapitalismus möglicherweise unzureichend beschrieben ist. Der
Krieg in der Ukraine und der Überfall auf den Iran sind zwei Kriegsschauplätze
im finalen Endkampf des Westens. Wir befinden uns in einem Interregnum zwischen
unipolarer und multipolarer Welt, zwischen dem sterbenden neoliberalen
Kapitalismus und einer neuen Gesellschaftsordnung, die noch in ihren Wehen
liegt.
Alles hängt erstens davon ab, ob die Kräfte, die eine multipolare Welt
anstreben, den Konflikt mit dem Hegemon USA für sich entscheiden. Es sieht
derzeit nicht danach aus, daß sie dies mit friedlichen Mitteln tun können, und
eine stärkere Demokratisierung kündigt sich auch nicht an.
Zum zweiten ist entscheidend, ob in den westlichen Ländern die Menschen
Handlungsfähigkeit und Selbstverfügungsfähigkeit zurück gewinnen, um ihren
bellizistischen und antidemokratischen Eliten entgegenzutreten. Dazu bedürfte es
einer Volksfront für Frieden und Demokratie und einer Doppelstrategie aus
parlamentarischen und außerparlamentarischen Initiativen.
Derzeit sieht es aber nicht danach aus. Die Mehrheit der Menschen in
Deutschland wirkt wie vom dauerhaften Ausnahmezustand und der Multikrise
erschöpft und resigniert. Ein Aufbegehren kann ich nicht erkennen. Die Deutschen
dösen in den Untergang. In der Tragödie des Königs Lear läßt William Shakespeare
seine Figur Graf von Gloster sagen: „Das ist der Fluch der Zeiten, wenn Irre
Blinde leiten!“
|