Souveränität, Neutralität, Kultur
Deutschland – fremdbestimmt ruiniert
Von Wolfgang Bittner
Der Schriftsteller Wolfgang Bittner hielt am 30. Mai 2026 im
ersten Abschnitt der Konferenz des Schiller-Instituts den folgenden Vortrag.
Am 14. April 2026 vereinbarte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz eine
strategische Partnerschaft mit dem ukrainischen Machthaber Wolodymyr Selenskyj,
und einen Monat später war Verteidigungsminister Boris Pistorius in Kiew, um
eine intensivere militärische Zusammenarbeit zu besprechen. Deutschland soll –
wieder einmal – die stärkste Militärmacht in Europa werden, und Deutschland soll
die Kiewer Ukraine in ihrem Krieg bis zum angestrebten Sieg über Rußland
unterstützen – auf Kosten der eigenen Bevölkerung, der im Kriegsfall die
existenzielle Vernichtung droht.
Wie konnte es so weit kommen? Bahnte sich doch nach der sogenannten
Wiedervereinigung im Jahre 1990 eine für beide Seiten erfolgversprechende
Kooperation an. Nachdem aber die US-Regierung unter Barack Obama die Devise
ausgegeben hatte, Rußland müsse ruiniert werden, um es den westlichen
Kapitalinteressen zu öffnen, wurden von den USA und der EU immer schärfere
Sanktionen verhängt. Die westliche Führungselite, die sich zunächst sperrte,
wurde – wie Joseph Biden 2014 in einer Rede verriet – von Barack Obama genötigt,
sich zu beteiligen.
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, daß eine europäische „Koalition der
Willigen“ die 2014 aufgezwungene Aggressionspolitik gegen Rußland geradezu
erbittert weiterführt, obwohl ihr der Rückhalt aus den USA unter der Regierung
Trump entzogen wurde. Offensichtlich haben die meinungsbildenden europäischen
Politiker und Journalisten, von denen viele ihre Führungspositionen noch durch
Patronage der US-Netzwerke und der Regierungen Obama und Biden erlangt haben,
den Rußlandhaß dermaßen verinnerlicht, daß sie sogar Krieg gegen Rußland planen.
Wie das enden kann, ist nur allzu bekannt.
Nun ist jüngst der Ruf nach einer Neutralität Deutschlands aufgekommen, die
bereits 1952 von Stalin vorgeschlagen worden war. Damals unterbreitete er den
anderen drei Siegermächten des Zweiten Weltkriegs das Angebot, über einen
Friedensvertrag mit Deutschland zu verhandeln. Bedingung war die Neutralität
eines künftigen vereinten Deutschlands, die unter polnischer Verwaltung
gestellten Ostgebiete ausgenommen.
Weil zur selben Zeit unter der Regierung Adenauer in Geheimverhandlungen
bereits die Wiederbewaffnung und der Beitritt zur NATO beschlossen waren,
boykottierten die westlichen Alliierten den sowjetischen Vorschlag. Auch Konrad
Adenauer wies ihn als unseriöses „Störmanöver“, mit dem die Westintegration der
BRD blockiert werden sollte, zurück und vergab damit die Chance für eine
selbstbestimmte deutsche Politik.
Stattdessen blieben die beiden deutschen Relikte, denen von den Siegermächten
nach der bedingungslosen Kapitulation die Souveränität aberkannt worden war,
unter Fremdbestimmung, die erst nach und nach gelockert wurde. Nach herrschender
Meinung erhielt dann die Bundesrepublik Deutschland als „mit dem Deutschen Reich
identisches Völkerrechtssubjekt“ durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12.
September 1990 die „volle Souveränität“ zurück (wie es in Artikel 7 Absatz 2
steht), sodaß – theoretisch – eine Neutralität Deutschlands heute erreichbar
wäre.
Das ist die offizielle Faktenlage. Aber die Zubilligung der Souveränität ist
durch Zusatzverträge, zum Beispiel den Truppenstationierungsvertrag, die
NATO-Mitgliedschaft, das Militärbündnis für „Ständige Strukturierte
Zusammenarbeit“ (PESCO), sonstige militärische und wirtschaftliche
Vereinbarungen sowie die übergeordnete EU-Gesetzgebung relativiert worden.
Insbesondere der außenpolitische Handlungsspielraum ist aufgrund der alliierten
Vorbehaltsrechte und Einflußmöglichkeiten eingeschränkt.
Zwar können Abkommen wie der Truppenstationierungsvertrag oder der
NATO-Vertrag gekündigt werden, Deutschland könnte auch aus der EU austreten, es
ist jedoch außerordentlich fraglich, ob eine deutsche Regierung diesen Schritt
wagen würde bzw. sich gegenüber den USA und Großbritannien behaupten könnte.
Bekannt ist außerdem, daß sich die USA an keine Verträge halten, sobald sie
ihrer jeweiligen Regierung nicht mehr passen.
Der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble, der die deutsche Politik jahrzehntelang
maßgeblich mit geprägt hat, sagte am 18. November 2011, also zwanzig Jahre nach
der sogenannten Wiedervereinigung und dem Zwei-plus-Vier-Vertrag, anläßlich des
„European Banking Congress“ in Frankfurt am Main: „…wir in Deutschland sind seit
dem 8. Mai 1945 zu keinem Zeitpunkt mehr voll souverän gewesen.“ Das war die
Meinung eines erfahrenen Politikers.
Im Völkerrecht ist Souveränität nach älterer Rechtsauffassung die absolute
Hoheit eines Staates über sein innen- und außenpolitisches Handeln. Das ist für
Deutschland erkennbar nicht gegeben. Doch nach neuerer völkerrechtlicher
Auffassung kann ein Staat durch Verträge mit anderen Staaten von bestimmten
Rechten absehen, also eine Einschränkung seiner Souveränität selbstbestimmt
vornehmen. Das könnte für Deutschland infrage kommen. Allerdings sind
verschiedene Einschränkungen, denen Deutschland unterliegt, nicht
selbstbestimmt.
Daher stellen sich folgende Fragen:
- Kann ein Land, dessen Bevölkerung ständig belogen, betrogen und
gedemütigt wird, das keinen Friedensvertrag hat und nach Artikel 53 und 107 der
Charta der Vereinten Nationen immer noch ein Feindstaat gegenüber den
Siegermächten des Zweiten Weltkriegs ist, souverän sein? Die Feindstaatenklausel
besagt, daß Zwangsmaßnahmen ohne besondere Ermächtigung durch den
UN-Sicherheitsrat verhängt werden könnten, was militärische Interventionen
einschließt, falls Deutschland erneut eine aggressive Politik verfolgen sollte.
Was das bedeutet, ist weit auslegbar, und die Auslegung würde gegebenenfalls von
den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs erfolgen, also maßgeblich von den
USA.
Zwar wird diskutiert, ob die sich aus den genannten Artikeln ergebende
Feindstaatenregelung durch die Mitgliedschaft Deutschlands in den Vereinten
Nationen obsolet geworden ist. Aber wenn dem so wäre, hätten diese Bestimmungen
längst gestrichen werden können.
- Kann ein Land mit elf riesigen Militärstützpunkten der USA, die
permanent ca. 39.000 Soldaten in Deutschland unter Waffen halten (u.a.
Atomwaffen) und zu internationalen Konferenzen auf ihre Militärbasis Ramstein
einladen, von der aus sie Drohnenmorde befehligen, souverän sein?
- Kann ein Land, in dem sich die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs immer
noch Befugnisse vorbehalten haben, souverän sein? Es besteht die Auffassung, daß
nach wie vor ein sogenanntes „versteinertes Besatzungsrecht“ gilt, das heißt
„Besatzungsrecht, welches bei Abschluß des ‚Überleitungsvertrags‘ keinerlei
Disposition für die deutsche Staatsgewalt unterlag“, und von dem einzelne
Bestimmungen weiterhin in Kraft bleiben.
- Kann ein Land, dem widerspruchslos die günstige Energiezufuhr aus
Rußland abgeschnitten wird, das sich ständig Vorschriften machen und von der
EU-Kommission nachteilige Gesetze aufzwingen läßt, souverän sein?
Eine neue Konstellation
Die Frage nach der Souveränität Deutschlands ist ein schwieriges, die
Bevölkerung existentiell betreffendes Thema, das von offizieller Seite vermieden
wird. Aber es wäre an der Zeit, es in den öffentlichen Diskurs einzubringen, was
aktuell von mehreren Friedensorganisationen versucht wird.
In der Tat wäre die politische Situation, wie sie sich im Frühjahr 2026
darstellt, günstig, um eine Neutralität Deutschlands in die Wege zu leiten und
durchzusetzen. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat mit der neuen
Sicherheitsstrategie der USA (NSS) die Möglichkeit geschaffen, eine grundlegende
Neubewertung des transatlantischen Systems und der eigenen
Sicherheitsbedingungen vorzunehmen. Er beendet mit diesem Dokument unter anderem
die weitere Expansion der NATO und damit die Spekulationen der westeuropäischen
„Koalition der Willigen“ auf eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine.
Aber die Berliner Politiker sind nach wie vor dem tiefen Staat der
Regierungen Obama und Biden verhaftet, der sie mit seinen Medien- und
Netzwerk-Kampagnen regierungsfähig gemacht und gegen Rußland in Stellung
gebracht hat. Anstatt die Gelegenheit zu nutzen, die Interessen Deutschlands
wahrzunehmen, arbeitet sich die Regierung Merz seit ihrem Amtsantritt im Mai
2025 daran ab, auf Kosten der eigenen Bevölkerung Unmengen an Geld und Waffen
für die Ukraine bereitzustellen, um den Stellvertreterkrieg gegen Rußland immer
noch zu verlängern. Ein Wandel könnte sich durch den Iran-Krieg und den sich
abzeichnenden wirtschaftlichen Ruin Deutschlands ergeben.
Resümee
Vielleicht könnte man sagen, Deutschland sei nicht vollständig souverän
(falls es überhaupt eine unvollständige Souveränität gibt), und mit einer
selbstbewußten, eigenständig agierenden Regierung wäre eine zumindest annähernde
Souveränität im Sinne einer neueren völkerrechtlichen Auffassung zu erreichen.
Aber unter Berücksichtigung der genannten Umstände liegt der Schluß nahe, daß
die deutsche Regierung nicht selbstbestimmt zum Wohle der Bevölkerung zu handeln
vermag, Deutschland also nicht souverän in dem Sinne ist, wie es im
Zwei-plus-Vier-Vertrag kodifiziert wurde. Fraglich ist zudem, ob der
Zwei-plus-Vier-Vertrag noch Geltung hat, nachdem er von Deutschland nicht
eingehalten wurde.
Insofern stehen der Verwirklichung einer deutschen Neutralität, wodurch viele
der heutigen Probleme zu lösen wären, die derzeitigen realen Bedingungen
entgegen. Intensive diplomatische Bemühungen auf höchster Ebene wären nötig, um
den Weg in eine friedlichere Zukunft vorzubereiten. Dafür besteht zur Zeit wenig
Hoffnung. Aber trotz nahezu unüberwindlich erscheinender Hürden sollte das Ziel,
die Souveränität und Neutralität Deutschlands, nicht aus den Augen verloren
werden. In dieser Hinsicht gibt es verdienstvolle, zu unterstützende
Ansätze.
Zu berücksichtigen sind bei allem zwei eminent wichtige weltpolitische
Vorgänge, die sowohl von den Berliner als auch den Brüsseler Politikern
verkannt, geleugnet oder gar nicht wahrgenommen werden.
Erstens: Bei den derzeitigen ausufernden globalen Konflikten, hinter denen
die westlichen Kapital- und Wirtschaftseliten stehen, handelt es sich um eine
grundlegende Auseinandersetzung zwischen dem Kollektiven Westen und dem Globalen
Süden einschließlich Rußlands. Das birgt die Gefahr eines weltweiten, womöglich
atomaren Krieges, der das Ende der Menschheit bedeuten könnte. Ein Ausweg wäre
die Weiterentwicklung von BRICS sowie die Schaffung eines globalen
Sicherheitssystems (was Helga Zepp-LaRouche eine neue Sicherheits- und
Entwicklungsarchitektur nennt).
Zweitens: Die derzeitige Vorkriegssituation böte die Chance, sich aus der
militärischen und kulturellen Umklammerung der USA zu lösen und zu den eigenen
kulturellen Wurzeln zurückzufinden. Insofern stellt sich der Ukraine-Konflikt im
weitesten Sinne auch als Auseinandersetzung zwischen zwei Kulturkreisen dar: der
in die Dekadenz abgleitenden US-amerikanisch dominierten westlichen Kultur und
einer historisch gewachsenen konservativen europäisch Kultur.
Das im Krieg befindliche Rußland mag zwar nicht das Vorzeigeland für
Bürgerrechte sein, und in den USA gibt es natürlich nicht nur minderwertige
Unterhaltung; aber ausgehend von der Überzeugung, daß Kultur die Grundlage einer
Gesellschaft ist, kommt dem Kulturimperialismus der USA eine wesentliche
Bedeutung zu. Es ist nicht zu übersehen, daß sie sich mit Hollywood und
Disneyland neben ihrem militärischen Vorgehen den Einfluß auf Milliarden
Menschen geschaffen haben. Und es scheint so, daß in Rußland, dem größten Land
Europas, trotz der Aggressions- und Kriegspolitik des Westens und trotz vieler
Probleme versucht wird, eine europäische Kultur der Bewußtheit, Spiritualität
und Humanität zu bewahren, wie immer man dazu stehen mag.
Es wird schwierig sein, mit Rußland in absehbarer Zeit wieder zu einem
vertrauensvollen Miteinander zurückzufinden, was aber erforderlich wäre, um
wirtschaftlich wieder zu gesunden und die europäische Kultur vor den
destruktiven, politisch zu bewertenden US-amerikanischen Einflüssen zu bewahren.
Das muß eines der Ziele der sich in Europa neu formierenden Friedensbewegung
sein, und dazu ist es erforderlich, möglichst viele Menschen über die Ursachen
und Hintergrunde der insbesondere von den Angloamerikanern betriebenen
Aggressionspolitik aufzuklären.
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