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Schiller-Institut e. V.
"Zweck der Menschheit ist kein anderer als die
Ausbildung der Kräfte des Menschen, Fortschreitung."
Friedrich Schiller

 

Ein Neubeginn, um das Aussterben der Menschheit zu verhindern

Von Jacques Cheminade

Jacques Cheminade ist ehemaliger Präsidentschaftskandidat und Präsident von Solidarité et Progrès in Frankreich. In der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem Englischen.)

Der Titel meines Vortrags bezieht sich auf ein finanzielles und ideologisches System, das Kriege schürt und eine Kultur des Todes fördert. Was derzeit in Gaza geschieht, im Libanon, im Iran, in der Ukraine und im Sudan, ist Ausdruck ein und derselben kriminellen Matrix. Da ist Marco Rubio, der in München die westliche Geschichte in ihrer kolonialen Dimension lobt und zu dem Schluß kommt, daß deren Vorherrschaft mit Gewalt durchgesetzt werden müsse. Da sind Charles III. und Benjamin Netanjahu, die im US-Kongreß anhaltenden Applaus – eine Standing Ovation – erhalten, während der eine eine Karte von „Groß-Israel“ zeigt und der andere behauptet, die amerikanische Unabhängigkeit sei von Ideen britischen Ursprungs inspiriert gewesen, was von einem Donald Trump, dessen „Groß-Amerika“ sich von Grönland bis Feuerland erstreckt, umgehend bekräftigt wurde. Da sind US-Kriegsminister Pete Hegseth oder Donald Trumps geistliche Beraterin Paula White, die verkünden, daß Gott diejenigen segnet, die einen gerechten Krieg führen und dabei Zivilisten und die Führer des iranischen Feindes ermorden.

So entsteht ein neuer Faschismus, dessen Ursprung im britischen Imperialismus und dem Prinzip der Schreckensherrschaft liegt. Dieser Imperialismus mutiert derzeit in den Vereinigten Staaten zu der Form eines Bündnisses zwischen den Tech-Lords des Silicon Valley – die ihre Aktivitäten nun auf Nevada und Texas ausweiten – und den Lords der Wall Street, die einen Finanz-Dollar fördern, der nichts mit dem Dollar des amerikanischen Volkes zu tun hat: eine Falschwährung, die per elektronischem Impuls ausgegeben wird und ganz von der Realwirtschaft abgekoppelt ist. Es handelt sich um einen techno-militärisch-finanziellen Faschismus mit eigenen Medienkanälen, der behauptet, die Welt zu beherrschen, indem er eine Demokratie abschafft, die zu einem Hindernis geworden ist, wie die Chefs von Palantir oder Microsoft offen verkünden.

Ihr einziger Beitrag zur Realwirtschaft in den Vereinigten Staaten wie in Westeuropa ist die Finanzierung des Verteidigungssektors im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz und der Gewinnung seltener Metalle, die für moderne Waffen benötigt werden. Dazu dient Donald Trumps Budget in Höhe von 1,5 Billionen Dollar. Ihr Ziel ist ein cyber-nuklearer Krieg. Derweil wäscht die Londoner City weiter das zunehmend immer schmutzigere Geld der Steueroasen.

Wir sind heute schon über einen Kalten Krieg hinaus, versunken in einer geopolitischen Logik, die, wenn wir ihren Lauf nicht aufhalten, zu ungeheuerlichen Zerstörungen führen wird, die die Menschheit zu vernichten drohen. Wir alle hier wissen, daß wir den Kurs ändern müssen. Und wie heute Vormittag bereits gesagt und wiederholt wurde, wissen wir, daß eine neue Architektur für Frieden durch gegenseitige Entwicklung und Sicherheit der Schlüssel zu diesem Wandel ist.

Ich möchte hier drei Punkte ansprechen.

Der erste soll betonen, daß dieses mit Kriegsverbrechen verbundene System ein Mafia-System des organisierten Verbrechens ist. Es fungiert als Instrument zur Zerstörung von Leben und für den Krieg gegen die Völker. In diesem Sinne ist der Fall Epstein nur die Spitze eines blutigen Eisbergs.

Der zweite Punkt ist, daß dies kein „unvermeidliches“ Verhalten für den Westen ist. Im Gegenteil, es ist ein Verrat an dem Besten, was der Westen der Welt gebracht hat; es ist eine Metastase, deren Wachstum wir zugelassen haben und die nun die Kontrolle über den Körper übernommen hat.

Und schließlich müssen wir, um an der neuen Architektur teilzuhaben, unsere Handlungs- und Denkweise ändern; das heißt, wir müssen unsere menschlichen Fähigkeiten jenseits einer formalen Logik erkunden, die auf Deduktion und Induktion reduziert ist. Einstein sagt uns, daß man ein Problem niemals innerhalb der Bedingungen lösen kann, unter denen es gestellt wurde; heute besteht unsere Herausforderung darin, unsere Emotionen so zu schulen, daß sie mit dieser menschlichen Fähigkeit im Einklang stehen, formale Grenzen zum Wohle der Allgemeinheit zu überwinden, wobei wir uns von denen inspirieren lassen, denen das in der Vergangenheit gelungen ist, und ihrem Ansatz folgen.

Das Mafia-System

Erster Punkt: Dieses zerstörerische System basiert nicht auf der Zustimmung der Regierten, sondern auf deren Mißhandlung. Es ist das Recht des Stärkeren – das wahre Gesicht der „regelbasierten Ordnung“. So wie jede Form des Kolonialismus ihren „Black Code“ zur Organisation der Sklaverei hatte, so beteiligen sich heute – als Partner im globalen Archipel der Geldwäsche – Regierungen, lokale Mafiagruppen, Bankhäuser und transnationale Konzerne an der Plünderung des Gemeinwesens, und das völlig straffrei, manchmal sogar in voller Übereinstimmung mit dem Gesetz. Sie haben ihre eigenen Regeln und ihre finanziellen Killer, die mit deren Durchsetzung beauftragt sind, wie John Perkins in Bekenntnisse eines Economic Hit Man geschrieben hat.

Dieser organisierte kriminelle Kapitalismus hat in der Tat seine eigenen Spielregeln. Er genießt einen verschwenderischen Lebensstil und beteiligt sich an der Finanzierung und Korruption der Parteien und Politiker, die das für sie so vorteilhafte System am besten reibungslos am Laufen halten. Sein Gesetz ist der weitverbreitete Diebstahl der Früchte menschlicher Arbeit und des gemeinsamen Reichtums, was zu weitverbreiteter Korruption führt. Deshalb muß man nicht nur Einzelpersonen, die die Regeln des Systems umgehen, die ins Visier nehmen, sondern ein gesamtes globalisiertes System, das von oben bis unten mafiös geworden ist. Nur die Dynamik einer neuen Architektur wird in der Lage sein, dieses System einzudämmen und ihm schließlich ein Ende zu setzen. Der ivorische Staatschef Houphouët-Boigny, dem Korruption vorgeworfen wurde, erklärte einmal im Fernsehen seines Landes, er sei zwar korrupt, aber um etwas zu ändern, müsse man das gesamte System der Korrupten ins Visier nehmen.

Der moralische Verrat des Westens

Zweiter Punkt: Die Anklage gegen das Verhalten der westlichen Länder ist hinreichend gerechtfertigt, sie sollte jedoch nicht die im Westen entwickelten konzeptionellen und menschlichen Beiträge mit einschließen. Man soll diese positiven Beiträge nicht mit dem schmutzigen Wasser des kolonialen Bades ausschütten. Die westlichen Länder, die Vereinigten Staaten ebenso wie die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, haben ihre eigene intellektuelle und moralische Botschaft verraten, indem sie zu Raubtieren wurden.

Lyndon LaRouche hat die Grundlagen dieser Botschaft in seinem Werk Christentum und Wirtschaft dargelegt. Ich habe hier nicht die Zeit, darauf näher einzugehen, aber der Kernpunkt ist, daß jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist und daher fähig ist, selbst Schöpfer zu werden: imago viva dei und capax dei.

Nikolaus von Kues, der größte Denker der Renaissance-Anfänge, betonte diese Fähigkeit und verfaßte De pace fidei, einen Dialog zwischen Gläubigen verschiedener Religionen, in dem er zu dem Schluß gelangt, daß ein Verständnis sowohl möglich als auch notwendig ist, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen, weil sich in jeder dieser Religionen die Treue zu einem schöpferischen Prinzip wiederfindet.

Es ist dieses gemeinsame schöpferische Prinzip, das es uns ermöglicht, der Unausweichlichkeit eines Turms zu Babel zu entkommen und durch die Zusammenarbeit für das Gemeinwohl Entspannung, Verständnis und Kooperation zu erreichen. Dabei entfliehen wir einer Logik der Macht und Herrschaft – dem reinen Willen zur Macht, die auf Kosten anderer ausgeübt wird. Das ist die Grundlage unseres „Oasenplans“ für Südwestasien und der neuen internationalen Architektur, die für den Frieden unverzichtbar ist und auf dem „Zusammenfall der Gegensätze“ beruht, wie Leo XIV. in seiner Ansprache während des Jubiläums bekräftigte, wobei er dem Weg folgte, den Leo XIII. mit Rerum Novarum und die Enzykliken seiner Nachfolger eröffnet hatten.

Ich möchte hinzufügen: Frankreich sollte sich zusammenreißen und seine Rolle wahrnehmen, aus zwei Gründen. Der erste ist, daß es der große Humanist Lefèvre d’Etaples war, der 1514 die gesammelten Werke des Nikolaus von Kues drucken ließ und in Kooperation mit ganz Europa eine gemeinsame internationale Ausgabe herausgab.

Der zweite Grund ist der „Toast von Algier“ aus dem Jahr 1890. Kardinal Lavigerie, Erzbischof von Algier und Karthago, persönlicher Freund von Leo XIII. und ein Kämpfer gegen die Sklaverei und die Auswüchse der Kolonialisierung, brachte durch diesen Toast die Akzeptanz der säkularen Republik durch den Papst zum Ausdruck.

Die jüngste Reise von Leo XIV. nach Algerien fand in diesem historischen Kontext des Dialogs und des Friedens zwischen den Religionen statt. In seinem Friedensappell verurteilte er die Bombardierung der Zivilbevölkerung und forderte alle Religionen – und auch Nichtgläubige – auf, sich für die Sache des Friedens zu vereinen. Erinnern wir uns daran, wie er im Flugzeug auf dem Weg nach Algier als Antwort auf Trumps Angriffe erklärte, die Trump-Regierung mache ihm keine Angst und seine Mission bestehe darin, Zeugnis für das Evangelium abzulegen.

Lassen Sie uns anläßlich des 250. Jahrestags der amerikanischen Unabhängigkeit zwei grundlegende Punkte zu diesem zweiten Thema hinzufügen. Der erste ist, daß die Gründer der Vereinigten Staaten gegen den britischen Kolonialismus rebellierten und daß es diese Befreiung ist, die gefeiert werden muß, so wie es alle unsere Freunde und Genossen tun. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind kein „im Grunde angelsächsisches“ Land, sondern eine Nation, die sich von der britischen Kolonialbesatzung befreit hat, und im Kern ein Schmelztiegel von Einwanderern, die auf der Suche nach einem besseren Leben und menschlicher Würde dorthin kamen. Die Interessen des britischen Imperialismus waren stets darauf ausgerichtet, die Vereinigten Staaten wieder zu besetzen, zuerst militärisch und dann, als das scheiterte, in kultureller und finanzieller Form, was heute in einem neuen techno-militärisch-finanziellen Faschismus gipfelt, der als Besatzungsmacht innerhalb der Republik agiert.

Ein anderes Denken

Dritter Punkt: eine Veränderung unserer Denkweise. Wir erleben heute nicht nur einen Krieg gegen das Volk – denn die kriminelle Oligarchie ist ihrem Wesen nach malthusianisch –, sondern genauso einen Krieg gegen unseren Verstand. Es ist ein kognitiver Krieg, der sich militärischer Kontrollmethoden und kommerzieller Strategien bedient, um eine süchtig machende Abhängigkeit zu erzeugen. Bildung und Arbeit werden entmenschlicht: Man reduziert sie entweder auf die bloße Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung oder auf den Erwerb von Fähigkeiten zu deren Dienst. Die Freizeit ist von Bildschirmen beherrscht, einer Welt der Sucht, die durch die Verbreitung gewalttätiger Inhalte – Ego-Shooter oder zügellose Sexualität – gekennzeichnet ist, durch Algorithmen, die eine regelrechte mentale Apartheid erzwingen, und durch Spiele, die einen darin schulen, wie ein Broker durch Wetten Geld zu verdienen, ohne jegliche kreative Arbeit. Künstliche Intelligenz ist keine Gefahr, weil sie den Menschen ersetzen könnte – sie beschränkt sich auf die Verarbeitung vorhandener Daten –, sie kann uns aber auf ihr Niveau herabziehen, indem sie uns auf der Stufe der logischen Wahrnehmung hält, ohne daß wir kreative Fähigkeiten entfalten, und indem sie alles Notwendige tut, um uns süchtig zu machen.

Daher müssen wir einen klaren Kopf bewahren, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Aber Klarheit des Geistes allein kann zu Zynismus oder zu einer Flucht in die Hilflosigkeit führen. So könnten wir morbiden Vergnügungen erliegen – Vergnügen und Faszination, die wir empfinden, wenn wir bloß analysieren, was schiefläuft, und uns in Pessimismus suhlen. Um den Symptomen, die unsere Mitmenschen an den Tag legen, widerstehen zu können, müssen wir immun dagegen sein! Der heilige Augustinus zeigt uns in seinem Gottesstaat und seinen Bekenntnissen, daß es eine Verirrung des Herzens ist, ein Mangel an Nächstenliebe, wenn man sich am Leid anderer erfreut oder es bloß untersucht und sich an der Präzision der eigenen Analyse erfreut.

Lyndon LaRouche hat gezeigt, daß jede psychologische Analyse im Gegenteil eine aktive Analyse des Schöpfungsaktes sein muß – eine Psychologie der menschlichen Entdeckungsfähigkeit, die sich durch politisches Engagement ausdrückt, um die Mitmenschen zu inspirieren und die Gesellschaft zu verbessern.

LaRouche lehnte von Anfang an das kybernetische Konzept von Norbert Wiener und John von Neumann ab, für die Informationsübertragung auf einen Sender, einen Empfänger und „Rückkopplung“ reduziert war – eine „logische“ Beziehung unabhängig vom tatsächlichen Inhalt der Botschaft. Heute kann die künstliche Intelligenz – ich würde sie aristotelische Intelligenz nennen – auf der Grundlage der vorhandenen Daten, mit denen man sie füttert, alles abdecken, was schon bekannt ist. Sie ist wie die Kybernetik, wenn auch in einem „logisch“ unvergleichbaren Maßstab: unfähig, wirklich etwas zu erschaffen, weil sie nur im Bereich des Bekannten operiert. Sam Altman, der zynische Schöpfer von OpenAI, hat selbst erklärt, der Fehler der Menschen sei, die KI als lebendes Wesen zu behandeln, obwohl sie nur ein hervorragender Assistent ist.

LaRouche geht in seinem Vorwort zu The Science of the Human Mind aus dem Jahr 1983 auf das Wesen des schöpferischen Aktes ein:

    „Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die den Willen und das Recht haben, zu wissen. Diese Methode, die die von Platon, Augustinus, Kardinal Nikolaus von Kues und anderen ist, hat zwei miteinander verbundene Facetten. In einem Aspekt läßt sie sich als wissenschaftliche Methode beschreiben, als Methode der schöpferischen Entdeckung. Doch die bloße Kenntnis der Formalitäten der Methode reicht nicht aus. Es gibt einen ,emotionalen' Aspekt der Methode, einen unverzichtbaren emotionalen Aspekt. Ohne die treibende Energie, die durch Letzteren geliefert wird, ist Ersteres träges Wissen. Die beiden Aspekte als Einheit darzustellen bedeutet, eine wissenschaftliche Psychologie zu beschreiben, eine Wissenschaft vom menschlichen Geist. Es wäre vielleicht die wirksamste Wahl, die Methode als eine solche wissenschaftliche Psychologie darzustellen.“

Im Bereich des politischen Handelns betont Charles de Gaulle, daß es keine wahrhaft wissenschaftliche Entscheidungsfindung ohne die Unterstützung durch Emotionen geben kann.

Und hören wir schließlich auf Friedrich Schiller, der uns sagt:

    Erhebet euch mit kühnem Flügel
    Hoch über euren Zeitenlauf;
    Fern dämmre schon in euerm Spiegel
    Das kommende Jahrhundert auf.

    (Aus: Die Künstler)

Dann kann eine „großartige Menschheit“ die Gegenwart auf eine höhere Ebene heben, weil der Weg ihrer Vernunft durch das Herz führt.