Ein Neubeginn, um das Aussterben der Menschheit zu verhindern
Von Jacques Cheminade
Jacques Cheminade ist ehemaliger Präsidentschaftskandidat
und Präsident von Solidarité et Progrès in Frankreich. In der Berliner
Konferenz des Schiller-Instituts sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem
Englischen.)
Der Titel meines Vortrags bezieht sich auf ein finanzielles und ideologisches
System, das Kriege schürt und eine Kultur des Todes fördert. Was derzeit in Gaza
geschieht, im Libanon, im Iran, in der Ukraine und im Sudan, ist Ausdruck ein
und derselben kriminellen Matrix. Da ist Marco Rubio, der in München die
westliche Geschichte in ihrer kolonialen Dimension lobt und zu dem Schluß kommt,
daß deren Vorherrschaft mit Gewalt durchgesetzt werden müsse. Da sind Charles
III. und Benjamin Netanjahu, die im US-Kongreß anhaltenden Applaus – eine
Standing Ovation – erhalten, während der eine eine Karte von „Groß-Israel“
zeigt und der andere behauptet, die amerikanische Unabhängigkeit sei von Ideen
britischen Ursprungs inspiriert gewesen, was von einem Donald Trump, dessen
„Groß-Amerika“ sich von Grönland bis Feuerland erstreckt, umgehend bekräftigt
wurde. Da sind US-Kriegsminister Pete Hegseth oder Donald Trumps geistliche
Beraterin Paula White, die verkünden, daß Gott diejenigen segnet, die einen
gerechten Krieg führen und dabei Zivilisten und die Führer des iranischen
Feindes ermorden.
So entsteht ein neuer Faschismus, dessen Ursprung im britischen Imperialismus
und dem Prinzip der Schreckensherrschaft liegt. Dieser Imperialismus mutiert
derzeit in den Vereinigten Staaten zu der Form eines Bündnisses zwischen den
Tech-Lords des Silicon Valley – die ihre Aktivitäten nun auf Nevada und Texas
ausweiten – und den Lords der Wall Street, die einen Finanz-Dollar fördern, der
nichts mit dem Dollar des amerikanischen Volkes zu tun hat: eine Falschwährung,
die per elektronischem Impuls ausgegeben wird und ganz von der Realwirtschaft
abgekoppelt ist. Es handelt sich um einen techno-militärisch-finanziellen
Faschismus mit eigenen Medienkanälen, der behauptet, die Welt zu beherrschen,
indem er eine Demokratie abschafft, die zu einem Hindernis geworden ist, wie die
Chefs von Palantir oder Microsoft offen verkünden.
Ihr einziger Beitrag zur Realwirtschaft in den Vereinigten Staaten wie in
Westeuropa ist die Finanzierung des Verteidigungssektors im Zusammenhang mit
künstlicher Intelligenz und der Gewinnung seltener Metalle, die für moderne
Waffen benötigt werden. Dazu dient Donald Trumps Budget in Höhe von 1,5
Billionen Dollar. Ihr Ziel ist ein cyber-nuklearer Krieg. Derweil wäscht die
Londoner City weiter das zunehmend immer schmutzigere Geld der Steueroasen.
Wir sind heute schon über einen Kalten Krieg hinaus, versunken in einer
geopolitischen Logik, die, wenn wir ihren Lauf nicht aufhalten, zu
ungeheuerlichen Zerstörungen führen wird, die die Menschheit zu vernichten
drohen. Wir alle hier wissen, daß wir den Kurs ändern müssen. Und wie heute
Vormittag bereits gesagt und wiederholt wurde, wissen wir, daß eine neue
Architektur für Frieden durch gegenseitige Entwicklung und Sicherheit der
Schlüssel zu diesem Wandel ist.
Ich möchte hier drei Punkte ansprechen.
Der erste soll betonen, daß dieses mit Kriegsverbrechen verbundene System ein
Mafia-System des organisierten Verbrechens ist. Es fungiert als Instrument zur
Zerstörung von Leben und für den Krieg gegen die Völker. In diesem Sinne ist der
Fall Epstein nur die Spitze eines blutigen Eisbergs.
Der zweite Punkt ist, daß dies kein „unvermeidliches“ Verhalten für den
Westen ist. Im Gegenteil, es ist ein Verrat an dem Besten, was der Westen der
Welt gebracht hat; es ist eine Metastase, deren Wachstum wir zugelassen haben
und die nun die Kontrolle über den Körper übernommen hat.
Und schließlich müssen wir, um an der neuen Architektur teilzuhaben, unsere
Handlungs- und Denkweise ändern; das heißt, wir müssen unsere menschlichen
Fähigkeiten jenseits einer formalen Logik erkunden, die auf Deduktion und
Induktion reduziert ist. Einstein sagt uns, daß man ein Problem niemals
innerhalb der Bedingungen lösen kann, unter denen es gestellt wurde; heute
besteht unsere Herausforderung darin, unsere Emotionen so zu schulen, daß sie
mit dieser menschlichen Fähigkeit im Einklang stehen, formale Grenzen zum Wohle
der Allgemeinheit zu überwinden, wobei wir uns von denen inspirieren lassen,
denen das in der Vergangenheit gelungen ist, und ihrem Ansatz folgen.
Das Mafia-System
Erster Punkt: Dieses zerstörerische System basiert nicht auf der
Zustimmung der Regierten, sondern auf deren Mißhandlung. Es ist das Recht des
Stärkeren – das wahre Gesicht der „regelbasierten Ordnung“. So wie jede Form des
Kolonialismus ihren „Black Code“ zur Organisation der Sklaverei hatte, so
beteiligen sich heute – als Partner im globalen Archipel der Geldwäsche –
Regierungen, lokale Mafiagruppen, Bankhäuser und transnationale Konzerne an der
Plünderung des Gemeinwesens, und das völlig straffrei, manchmal sogar in voller
Übereinstimmung mit dem Gesetz. Sie haben ihre eigenen Regeln und ihre
finanziellen Killer, die mit deren Durchsetzung beauftragt sind, wie John
Perkins in Bekenntnisse eines Economic Hit Man geschrieben hat.
Dieser organisierte kriminelle Kapitalismus hat in der Tat seine eigenen
Spielregeln. Er genießt einen verschwenderischen Lebensstil und beteiligt sich
an der Finanzierung und Korruption der Parteien und Politiker, die das für sie
so vorteilhafte System am besten reibungslos am Laufen halten. Sein Gesetz ist
der weitverbreitete Diebstahl der Früchte menschlicher Arbeit und des
gemeinsamen Reichtums, was zu weitverbreiteter Korruption führt. Deshalb muß man
nicht nur Einzelpersonen, die die Regeln des Systems umgehen, die ins Visier
nehmen, sondern ein gesamtes globalisiertes System, das von oben bis unten
mafiös geworden ist. Nur die Dynamik einer neuen Architektur wird in der Lage
sein, dieses System einzudämmen und ihm schließlich ein Ende zu setzen. Der
ivorische Staatschef Houphouët-Boigny, dem Korruption vorgeworfen wurde,
erklärte einmal im Fernsehen seines Landes, er sei zwar korrupt, aber um etwas
zu ändern, müsse man das gesamte System der Korrupten ins Visier nehmen.
Der moralische Verrat des Westens
Zweiter Punkt: Die Anklage gegen das Verhalten der westlichen Länder
ist hinreichend gerechtfertigt, sie sollte jedoch nicht die im Westen
entwickelten konzeptionellen und menschlichen Beiträge mit einschließen. Man
soll diese positiven Beiträge nicht mit dem schmutzigen Wasser des kolonialen
Bades ausschütten. Die westlichen Länder, die Vereinigten Staaten ebenso wie die
Mitgliedstaaten der Europäischen Union, haben ihre eigene intellektuelle und
moralische Botschaft verraten, indem sie zu Raubtieren wurden.
Lyndon LaRouche hat die Grundlagen dieser Botschaft in seinem Werk
Christentum und Wirtschaft dargelegt. Ich habe hier nicht die Zeit,
darauf näher einzugehen, aber der Kernpunkt ist, daß jeder Mensch nach dem Bild
Gottes geschaffen ist und daher fähig ist, selbst Schöpfer zu werden: imago
viva dei und capax dei.
Nikolaus von Kues, der größte Denker der Renaissance-Anfänge, betonte diese
Fähigkeit und verfaßte De pace fidei, einen Dialog zwischen Gläubigen
verschiedener Religionen, in dem er zu dem Schluß gelangt, daß ein Verständnis
sowohl möglich als auch notwendig ist, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen,
weil sich in jeder dieser Religionen die Treue zu einem schöpferischen Prinzip
wiederfindet.
Es ist dieses gemeinsame schöpferische Prinzip, das es uns ermöglicht, der
Unausweichlichkeit eines Turms zu Babel zu entkommen und durch die
Zusammenarbeit für das Gemeinwohl Entspannung, Verständnis und Kooperation zu
erreichen. Dabei entfliehen wir einer Logik der Macht und Herrschaft – dem
reinen Willen zur Macht, die auf Kosten anderer ausgeübt wird. Das ist die
Grundlage unseres „Oasenplans“ für Südwestasien und der neuen internationalen
Architektur, die für den Frieden unverzichtbar ist und auf dem „Zusammenfall der
Gegensätze“ beruht, wie Leo XIV. in seiner Ansprache während des Jubiläums
bekräftigte, wobei er dem Weg folgte, den Leo XIII. mit Rerum Novarum und
die Enzykliken seiner Nachfolger eröffnet hatten.
Ich möchte hinzufügen: Frankreich sollte sich zusammenreißen und seine Rolle
wahrnehmen, aus zwei Gründen. Der erste ist, daß es der große Humanist Lefèvre
d’Etaples war, der 1514 die gesammelten Werke des Nikolaus von Kues drucken ließ
und in Kooperation mit ganz Europa eine gemeinsame internationale Ausgabe
herausgab.
Der zweite Grund ist der „Toast von Algier“ aus dem Jahr 1890. Kardinal
Lavigerie, Erzbischof von Algier und Karthago, persönlicher Freund von Leo XIII.
und ein Kämpfer gegen die Sklaverei und die Auswüchse der Kolonialisierung,
brachte durch diesen Toast die Akzeptanz der säkularen Republik durch den Papst
zum Ausdruck.
Die jüngste Reise von Leo XIV. nach Algerien fand in diesem historischen
Kontext des Dialogs und des Friedens zwischen den Religionen statt. In seinem
Friedensappell verurteilte er die Bombardierung der Zivilbevölkerung und
forderte alle Religionen – und auch Nichtgläubige – auf, sich für die Sache des
Friedens zu vereinen. Erinnern wir uns daran, wie er im Flugzeug auf dem Weg
nach Algier als Antwort auf Trumps Angriffe erklärte, die Trump-Regierung mache
ihm keine Angst und seine Mission bestehe darin, Zeugnis für das Evangelium
abzulegen.
Lassen Sie uns anläßlich des 250. Jahrestags der amerikanischen
Unabhängigkeit zwei grundlegende Punkte zu diesem zweiten Thema hinzufügen. Der
erste ist, daß die Gründer der Vereinigten Staaten gegen den britischen
Kolonialismus rebellierten und daß es diese Befreiung ist, die gefeiert werden
muß, so wie es alle unsere Freunde und Genossen tun. Die Vereinigten Staaten von
Amerika sind kein „im Grunde angelsächsisches“ Land, sondern eine Nation, die
sich von der britischen Kolonialbesatzung befreit hat, und im Kern ein
Schmelztiegel von Einwanderern, die auf der Suche nach einem besseren Leben und
menschlicher Würde dorthin kamen. Die Interessen des britischen Imperialismus
waren stets darauf ausgerichtet, die Vereinigten Staaten wieder zu besetzen,
zuerst militärisch und dann, als das scheiterte, in kultureller und finanzieller
Form, was heute in einem neuen techno-militärisch-finanziellen Faschismus
gipfelt, der als Besatzungsmacht innerhalb der Republik agiert.
Ein anderes Denken
Dritter Punkt: eine Veränderung unserer Denkweise. Wir erleben heute
nicht nur einen Krieg gegen das Volk – denn die kriminelle Oligarchie ist ihrem
Wesen nach malthusianisch –, sondern genauso einen Krieg gegen unseren Verstand.
Es ist ein kognitiver Krieg, der sich militärischer Kontrollmethoden und
kommerzieller Strategien bedient, um eine süchtig machende Abhängigkeit zu
erzeugen. Bildung und Arbeit werden entmenschlicht: Man reduziert sie entweder
auf die bloße Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung oder auf den Erwerb von
Fähigkeiten zu deren Dienst. Die Freizeit ist von Bildschirmen beherrscht, einer
Welt der Sucht, die durch die Verbreitung gewalttätiger Inhalte –
Ego-Shooter oder zügellose Sexualität – gekennzeichnet ist, durch
Algorithmen, die eine regelrechte mentale Apartheid erzwingen, und durch Spiele,
die einen darin schulen, wie ein Broker durch Wetten Geld zu verdienen, ohne
jegliche kreative Arbeit. Künstliche Intelligenz ist keine Gefahr, weil sie den
Menschen ersetzen könnte – sie beschränkt sich auf die Verarbeitung vorhandener
Daten –, sie kann uns aber auf ihr Niveau herabziehen, indem sie uns auf der
Stufe der logischen Wahrnehmung hält, ohne daß wir kreative Fähigkeiten
entfalten, und indem sie alles Notwendige tut, um uns süchtig zu machen.
Daher müssen wir einen klaren Kopf bewahren, um diesen Herausforderungen zu
begegnen. Aber Klarheit des Geistes allein kann zu Zynismus oder zu einer Flucht
in die Hilflosigkeit führen. So könnten wir morbiden Vergnügungen erliegen –
Vergnügen und Faszination, die wir empfinden, wenn wir bloß analysieren, was
schiefläuft, und uns in Pessimismus suhlen. Um den Symptomen, die unsere
Mitmenschen an den Tag legen, widerstehen zu können, müssen wir immun dagegen
sein! Der heilige Augustinus zeigt uns in seinem Gottesstaat und seinen
Bekenntnissen, daß es eine Verirrung des Herzens ist, ein Mangel an
Nächstenliebe, wenn man sich am Leid anderer erfreut oder es bloß untersucht und
sich an der Präzision der eigenen Analyse erfreut.
Lyndon LaRouche hat gezeigt, daß jede psychologische Analyse im Gegenteil
eine aktive Analyse des Schöpfungsaktes sein muß – eine Psychologie der
menschlichen Entdeckungsfähigkeit, die sich durch politisches Engagement
ausdrückt, um die Mitmenschen zu inspirieren und die Gesellschaft zu
verbessern.
LaRouche lehnte von Anfang an das kybernetische Konzept von Norbert Wiener
und John von Neumann ab, für die Informationsübertragung auf einen Sender, einen
Empfänger und „Rückkopplung“ reduziert war – eine „logische“ Beziehung
unabhängig vom tatsächlichen Inhalt der Botschaft. Heute kann die künstliche
Intelligenz – ich würde sie aristotelische Intelligenz nennen – auf der
Grundlage der vorhandenen Daten, mit denen man sie füttert, alles abdecken, was
schon bekannt ist. Sie ist wie die Kybernetik, wenn auch in einem „logisch“
unvergleichbaren Maßstab: unfähig, wirklich etwas zu erschaffen, weil sie nur im
Bereich des Bekannten operiert. Sam Altman, der zynische Schöpfer von OpenAI,
hat selbst erklärt, der Fehler der Menschen sei, die KI als lebendes Wesen zu
behandeln, obwohl sie nur ein hervorragender Assistent ist.
LaRouche geht in seinem Vorwort zu The Science of the Human Mind aus
dem Jahr 1983 auf das Wesen des schöpferischen Aktes ein:
„Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die den Willen und das Recht
haben, zu wissen. Diese Methode, die die von Platon, Augustinus, Kardinal
Nikolaus von Kues und anderen ist, hat zwei miteinander verbundene Facetten. In
einem Aspekt läßt sie sich als wissenschaftliche Methode beschreiben, als
Methode der schöpferischen Entdeckung. Doch die bloße Kenntnis der Formalitäten
der Methode reicht nicht aus. Es gibt einen ,emotionalen' Aspekt der Methode,
einen unverzichtbaren emotionalen Aspekt. Ohne die treibende Energie, die durch
Letzteren geliefert wird, ist Ersteres träges Wissen. Die beiden Aspekte als
Einheit darzustellen bedeutet, eine wissenschaftliche Psychologie zu
beschreiben, eine Wissenschaft vom menschlichen Geist. Es wäre vielleicht die
wirksamste Wahl, die Methode als eine solche wissenschaftliche Psychologie
darzustellen.“
Im Bereich des politischen Handelns betont Charles de Gaulle, daß es keine
wahrhaft wissenschaftliche Entscheidungsfindung ohne die Unterstützung durch
Emotionen geben kann.
Und hören wir schließlich auf Friedrich Schiller, der uns sagt:
Erhebet euch mit kühnem Flügel
Hoch über euren Zeitenlauf;
Fern dämmre schon in euerm Spiegel
Das kommende Jahrhundert auf.
(Aus: Die Künstler)
Dann kann eine „großartige Menschheit“ die Gegenwart auf eine höhere Ebene
heben, weil der Weg ihrer Vernunft durch das Herz führt.
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