Chinas 15. Fünfjahresplan
Weltweite Führungsrolle in Wissenschaft, Industrie und Bildung
Von Richard A. Black,
Vertreter des Schiller-Instituts bei den Vereinten Nationen in New York
Am 28. Oktober 2025 veröffentlichte Chinas Regierung die umfangreichen
„Empfehlungen” für den 15. Fünfjahresplan 2026-30, der Anfang 2026 herausgegeben
werden soll. Die darin skizzierten nationalen Richtlinien stellen einen
qualitativen Sprung in der Förderung des chinesischen „Wirtschaftswunders” dar,
und sie haben bereits öffentlich Panik und Empörung unter den „Finanzgeiern“ der
Londoner City ausgelöst. Der Plan ist ein Fortschritt für die Globale Mehrheit,
insbesondere für die Länder des Globalen Südens, die sich anschicken, ein neues
Währungs- und Handelssystem einzuführen, um den Neokolonialismus zu beenden. Mit
Chinas rasantem Fortschritt – und seiner Ausweitung auf den Globalen Süden –
drängt sich dem kriegsfixierten, verfallenden Westen die Frage auf: „Wann setzen
wir statt auf (sogar nukleare) Konfrontation mit Rußland und China endlich auf
Zusammenarbeit mit der Globalen Mehrheit?”
Der Entwurf trägt den offiziellen Titel „Empfehlungen des Zentralkomitees der
Kommunistischen Partei Chinas zur Ausarbeitung des 15. Fünfjahresplans für die
Entwicklung der Volkswirtschaft und Gesellschaft“.1 Im Mittelpunkt
stehen als nationale Mission die Verbesserung von Innovation in den
Pionierbereichen der Wissenschaft, die landesweite Integration von Bildung,
Industrie, Forschung und Entwicklung sowie die Entwicklung neuer Technologien
und qualifizierter Arbeitskräfte. Die Empfehlungen stehen im Einklang mit der
Forderung von Präsident Xi Jinping nach der Entwicklung einer „neuen Theorie der
Produktivkräfte“. Dazu sollte man wissen, daß der Fünfjahresplan die Kraft einer
nationalen Richtlinie der Exekutive hat.
China nimmt bereits eine weltweit führende Position im Bereich des
wissenschaftlichen und technischen Fortschritts ein. Das ist eine Realität, die
der neue Fünfjahresplan noch beschleunigen wird. Der (china-feindlichen)
australischen Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute zufolge war China
schon 2023 führend in 57 der 64 von ihm beobachteten „kritischen
Technologien”.2 Chinesische Universitäten nehmen weltweit eine
führende Position in Wissenschaft und Technik ein. Eine aktuelle Studie der
schwedischen Stiftung für internationale Zusammenarbeit in Forschung und
Hochschulbildung ergab, daß 19 der 20 weltbesten Universitäten für Mathematik,
Informatik, Physik und Ingenieurwesen in China liegen.3 Darüber
hinaus ist Chinas rasanter Fortschritt in Bereichen wie Kernfusion,
Quantencomputer, Robotik und Raumfahrt, um nur einige zu nennen, allgemein
bekannt.
Leitprinzipien und Hauptziele
Im 2. Abschnitt „Leitprinzipien und Hauptziele für die wirtschaftliche und
soziale Entwicklung” fordern die Autoren unter Punkt (6) „wichtige Durchbrüche
bei der Entwicklung von Produktivkräften neuer Qualität, der Gestaltung eines
neuen Entwicklungsgefüges und dem Aufbau eines modernen Wirtschaftssystems. Die
Gesamteffizienz der heimischen institutionellen Rahmenbedingungen für Innovation
ist merklich zu erhöhen. Ein integriertes Entwicklungsgefüge für
Bildungswesen, Wissenschaft und Technik sowie Fachkräftebereich soll im
Wesentlichen herausgebildet werden. Zudem gilt es, die Grundlagenforschung sowie
die Fähigkeit zur echten Innovation beträchtlich zu stärken. Wir streben
nach schnellen Durchbrüchen bei der Erforschung zentraler und
Schlüsseltechnologien in Schwerpunktfeldern und einer sichtbaren Mehrung
derjenigen Bereiche, in denen China Schritt hält bzw. vorausgeht. Ferner setzen
wir auf eine tiefgreifende Integration wissenschaftlich-technologischer und
industrieller Innovationen. Nicht zuletzt muß auch die antreibende Rolle der
Innovation merklich verstärkt werden.“
Der 4. Abschnitt trägt den Titel „Rasche Unabhängigkeit und selbstständige Stärke in
Wissenschaft und Technik auf hohem Niveau sowie Anleitung der Entwicklung der
Produktivkräfte neuer Qualität“. Auch darin fordern die Autoren die
Förderung von Durchbrüchen in Schlüsseltechniken (11):
„Dazu zählen unter anderem integrierte Schaltkreise, Werkzeugmaschinen,
High-End-Apparaturen, Standardsoftware, fortschrittliche Materialien sowie
Biomanufacturing. Wir werden den Bedarf der staatlichen Strategien in den
Vordergrund rücken und eine Reihe wichtiger wissenschaftlich-technologischer
Aufgaben des Staates anordnen und umsetzen. Es gilt, die Grundlagenforschung
stärker strategisch, vorausschauend und systemisch anzuordnen, den Anteil der
Investitionen in die Grundlagenforschung zu erhöhen und diesem Bereich damit
verstärkt langfristige und stabile Unterstützung zu gewähren. Wissenschaftliche
Forschung und technische Entwicklung sollen noch stärker an echten Innovationen
ausgerichtet werden. Gleichzeitig wollen wir ein besseres Umfeld zugunsten
originärer und revolutionärer Innovationen schaffen, um mehr innovative Erfolge
mit Modellcharakter hervorzubringen.“
Das erste Drittel des über 96.000 Wörter langen Dokuments umfaßt auch
detaillierte Beschreibungen der Aufgabe, junge wissenschaftliche Talente zu
fördern, Teams für wissenschaftliche Durchbrüche zu bilden und das
Bildungssystem mit der Forschung und der Industrie zu integrieren.
Wie lauten die regionalen und nationalen BIP-Zielvorgaben?
Es gibt keine! Im gesamten Bericht werden keine Ziele für das BIP genannt.
Stattdessen wird eine „neue Theorie der Produktivkräfte“ erläutert, die auf
„originäre und revolutionäre Innovationen“ durch Forscher und qualifizierte
Arbeitskräfte abzielt.
Wie ich weiter unten beschreibe, hat man in den höchsten Regierungskreisen
Chinas schon vor mindestens zwei Jahrzehnten erkannt, daß das im Westen so sehr
geschätzte Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maßstab für die reale
Wirtschaftstätigkeit trügt, wenn nicht sogar betrügt! Der gesamte vorgeschlagene
15. Fünfjahresplan ist eine weiterentwickelte Ausarbeitung der Erkenntnis, daß
eine erfolgreiche Realwirtschaft einzig und allein auf fortschreitender
Beherrschung der Gesetze des Universums durch den Menschen und deren Anwendung
in der Volkswirtschaft beruht.
Der amerikanische Wissenschaftler und Staatsmann Lyndon LaRouche (1922-2019)
hat in seinen seit den 1960er Jahren weit verbreiteten Hauptwerken bewiesen,
warum es ein Fehler ist, die rein monetären Werte des BIP für wirtschaftliche
Planungszwecke zu verwenden. So betont LaRouche in seinem Lehrbuch über
elementare mathematische Ökonomie, Was Sie schon immer über Wirtschaft wissen
wollten: „Nur der Verstand, dessen Herangehensweise an die Wirtschaft
physischer Natur ist und nicht auf Methoden der Finanzbuchhaltung beruht, ist in
der Lage, die durch wirtschaftliche Prozesse erzeugten relativen Werte zu
verstehen und zu berechnen.“ LaRouches Schriften sind in China durch die
Verbreitung der chinesischen und englischen Ausgabe von Executive
Intelligence Review (EIR) weithin bekannt. Zudem stand LaRouche ab
den 1980er Jahren in umfangreichem Briefkontakt mit führenden chinesischen
Wissenschaftlern.
Panik in der City wegen Chinas Wirtschaftspolitik
Die Eliten in der Londoner City reagieren auf Chinas verstärkte Abkehr von
der monetaristischen Wirtschaftspolitik panisch. Die Panik ist berechtigt: Ihr
System stirbt; ihre Finanzblase aus künstlicher Intelligenz (KI) und
Kryptowährungen steht kurz vor dem Platzen. Da die wirtschaftliche Partnerschaft
zwischen China und Rußland der wichtigste Faktor für die Bemühungen der Globalen
Mehrheit ist, den Neokolonialismus zu beenden, wird Chinas neuer Fünfjahresplan
die neue globale Entwicklungsarchitektur, die bereits in Gang gekommen ist,
beschleunigen.
Die britische Denkfabrik Chatham House, auch bekannt als Royal Institute of
International Affairs (RIIA), ist in Aufruhr. Dr. Yu Jie, Senior Research Fellow
für China im Asien-Pazifik-Programm von Chatham House, wendet sich gegen China
und schlägt Alarm, weil es BIP-Kennzahlen ablehnt.4 Frau Dr. Yu
beklagt: „Die Schlüsselthemen des kommenden Fünfjahresplans signalisieren eine
klare Abkehr von allen Plänen seit der Ära der ‚Reform und Öffnung‘ ... Die
Zeiten, in denen man einseitig das nominale BIP-Wachstum verfolgte, gehören
endgültig der Vergangenheit an... Die globalen Ökonomen ... werden enttäuscht
sein.“ Statt sich weiter auf die Erhöhung des Binnenkonsums zu konzentrieren,
lege China „einen intensiven Fokus auf die Beseitigung technologischer
Engpässe“.
Jüngste Geschichte: Eine Erkenntnis löste einen Wandel aus
Die wirtschaftspolitische Führung des verstorbenen Ministerpräsidenten Li
Keqiang (1955-2023) war entscheidend für Chinas Entwicklung hin zu dem, was
LaRouche als „physische Wirtschaft“ bezeichnet. Als Li von 2004-07
KP-Vorsitzender der Provinz Liaoning in Chinas industriell geprägtem Nordosten
war, wurde er international bekannt dafür, daß er BIP-Zahlen ablehnte. Er
bezeichnete sie inoffiziell als „menschengemacht” – sprich erfunden – und führte
seine Provinz zum wirtschaftlichen Erfolg, indem er anstelle von Geldwerten drei
physische Wirtschaftsparameter kontinuierlich maß: 1. den Brutto-Stromverbrauch
der Industrie, 2. das Güteraufkommen im Schienenverkehr und 3. die neu
vergebenen Bankkredite. Später leitete Li als Vizepremier und dann als
Ministerpräsident – direkt unter Präsident Xi – die Kommissionen, die den Bau
des riesigen Drei-Schluchten-Staudamms und das Süd-Nord-Wassertransferprojekt
überwachten. Beide Projekte trugen dazu bei, die Gesamtproduktivität der
chinesischen Bevölkerung auf eine höhere Ebene anzuheben.
2019 wiesen Chinas führende Ökonomen in der Diskussion über den damals
bevorstehenden 14. Fünfjahresplan den Druck zurück, die Wirtschaftstätigkeit in
BIP-Zahlen zu messen, obwohl nominale nationale Ziele diskutiert wurden.
Stattdessen wurden quantitative Indikatoren durch qualitative Indikatoren
ersetzt. „Entwicklung” und „Innovation” galten als zentral für den Erfolg.
Arbeitsentwicklung, fortschrittliche Industrien, Grundlagenforschung
Zu den weiteren Hauptpunkten der ZK-Empfehlungen für den 15. Fünfjahresplan
gehören:
1. Einrichtung eines mit kontrollierbarem Risiko grenzüberschreitenden
Renminbi (RMB)-Zahlungssystems im Rahmen der Schaffung und Erhaltung einer
internationalen Wirtschaftsordnung auf der Grundlage von Fairneß und
Inklusion.
2. Einführung von „Zukunftsindustrien“: Quantentechnik, Biofertigung,
Wasserstoff- und Fusionsenergie, Gehirn-Computer-Schnittstellen, verkörperte
künstliche Intelligenz (KI) und 6G-Mobilfunk.
3. Steigerung der jährlichen Getreideernte Chinas von über 700 Millionen
Tonnen um weitere 50 Millionen Tonnen.
4. Größere Reichweite und Attraktivität der chinesischen Zivilisation;
Stärkung der internationalen Stimme Chinas, „glaubwürdig, attraktiv und
respektabel”.
5. Förderung einer positiven Einstellung zu Ehe und Kinderkriegen durch eine
deutliche Senkung der extrem hohen Kosten für Geburt, Schwangerschaft,
Kinderbetreuung, Bildung und Mutterschaftsversicherung.
6. Ausbau der Kapazitäten im Bereich der nationalen Sicherheit in neuen
Bereichen: Cyberspace, Daten, KI, Biologie, Ökologie, Kernenergie, Weltraum,
Tiefsee, Polarregionen und erdnaher Luftraum.
7. Stärkung der strategischen Abschreckungskräfte Chinas und Beschleunigung
der Entwicklung unbemannter, intelligenter Streitkräfte sowie Chinas Fähigkeit,
solche Kräfte abzuwehren.
Universelle Prinzipien: Wirtschaft, Wissenschaft und Souveränität
Im weiteren Sinne ist Chinas gegenwärtiges Wirtschaftskonzept, das die
Förderung von Grundlagenforschung in den Mittelpunkt rückt, universell: Viele
Länder haben es in der Vergangenheit erfolgreich angewandt. So werden sich
Amerikaner mit wissenschaftlicher Orientierung und einer gewissen
Geschichtskenntnis an die brillante Führungsrolle von Präsident Franklin Delano
Roosevelt erinnern. Als der Zweite Weltkrieg sich dem Ende zuneigte, beauftragte
Roosevelt den Physiker Dr. Vannevar Bush vom Massachusetts Institute of
Technology (MIT) mit der Ausarbeitung eines nationalen Programms für staatlich
gelenkte wissenschaftliche Bildung und zivile wissenschaftliche Forschung und
Entwicklung, um den Erfolg des „Arsenals der Demokratie” und der Forschung und
Entwicklung während des Krieges für friedliche Zwecke zum Wohle der ganzen
Menschheit zu nutzen. Bush leitete im Krieg Roosevelts streng geheimes Amt für
wissenschaftliche Forschung und Entwicklung. Er und sein großes
Wissenschaftlerteam erarbeiteten daraufhin den von Präsident Roosevelt
gewünschten Vorschlag für eine wissenschaftliche Mission in Friedenszeiten. Er
erschien in Buchform unter dem Titel Science, The Endless Frontier
(„Wissenschaft, das endlose Pioniergebiet“).
Wenig überraschend haben viele der heutigen wissenschaftspolitischen Berater
der chinesischen Elite Dr. Bushs Plan von 1944-45 gründlich studiert und daraus
gelernt. Jeder Bürger im Westen sollte sein Buch lesen, um China zu verstehen.
Bush schreibt darin:
„Grundlagenforschung führt zu neuen Erkenntnissen. Sie liefert
wissenschaftliches Kapital. Sie schafft die Grundlage, aus der die praktischen
Anwendungen des Wissens geschöpft werden müssen. Neue Produkte und neue
Verfahren entstehen nicht aus dem Nichts. Sie beruhen auf neuen Prinzipien und
neuen Konzepten, die wiederum durch Forschung in den reinsten Bereichen der
Wissenschaft mühsam entwickelt werden.
Heute gilt mehr denn je, daß die Grundlagenforschung der Schrittmacher des
technischen Fortschritts ist. Im 19. Jahrhundert konnte der mechanische
Erfindungsreichtum der Yankees, der weitgehend auf den grundlegenden
Entdeckungen europäischer Wissenschaftler beruhte, die technischen Künste
erheblich voranbringen. Heute ist die Situation anders.
Eine Nation, die für ihre neuen wissenschaftlichen Grundkenntnisse von
anderen abhängig ist, wird unabhängig von ihren mechanischen Fähigkeiten nur
langsame industrielle Fortschritte erzielen und eine schwache
Wettbewerbsposition im Welthandel einnehmen.“
Über Chinas 15. Fünfjahresplan hinaus konzentriert sich die chinesische
Führung auf das Jahr 2035, in dem China eine „gemäßigt prosperierende” Großmacht
sein will, und auf das Jahr 2049, den 100. Jahrestag des Endes des chinesischen
Bürgerkriegs und der Geburt des „neuen China”.
Der Westen wäre gut beraten, auf seine eigenen Visionäre der Vergangenheit zu
hören – aus Europa, Afrika und Amerika –, die wie Dr. Vannevar Bush Chinas 15.
Fünfjahresplan gut verstehen würden.
Anmerkungen
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