Der kurze Weg in die Hölle oder der Mut
zu einer erhabenen Sicht auf die Menschheit
Die Notwendigkeit eines erweiterten Oasenplans für Südwestasien
Von Helga Zepp-LaRouche
Helga Zepp-LaRouche ist Chefredakteurin von Executive
Intelligence Review und Gründerin des Schiller-Instituts. Übersetzung aus
dem Englischen, Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.
Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, meine Damen und Herren, Freunde
des Schiller-Instituts aus aller Welt, der Titel meiner Rede lautet: „Der kurze
Weg in die Hölle oder der Mut zu einer erhabenen Sicht auf die Menschheit – die
Notwendigkeit eines erweiterten Oasenplans für Südwestasien“.
Es könnte durchaus sein, daß den heutigen Generationen der Menschheit die
moralische Stärke fehlt, um unsere Selbstvernichtung in einem globalen
thermonuklearen Krieg zu verhindern, denn diese Gefahr besteht tatsächlich akut.
Wenn man fünf Wochen nach Kriegsbeginn keine Lösung für den Krieg findet, den
die Vereinigten Staaten und Israel als unprovozierten Angriffskrieg gegen den
Iran begonnen haben, dann ist klar, daß keines der von der US-Seite definierten
Ziele erreicht wurde.
Trotz der wiederholten Angriffe auf führende iranische Amtsträger und
Unterhändler hat es keinen Regimewechsel gegeben. Die Bevölkerung des Iran steht
im Gegenteil mehr denn je hinter der Regierung. Weder die
Nuklearforschungsanlagen noch die ballistischen Raketensysteme wurden
demontiert. Die Straße von Hormus, die zuvor offen war, ist nun für alle
feindlichen Parteien gesperrt.
Die Folgen für die Weltwirtschaft sind bereits verheerend, und sie könnten
katastrophal werden, sollte sich der Krieg noch über weitere Wochen hinziehen.
Schon jetzt leiden Millionen armer Menschen und viele Unternehmen unter den
gestiegenen Energiepreisen. Die Unterbrechung der Düngemittellieferungen könnte
zu einer Massenhungersnot führen. Der Absturz in eine globale Depression wird
mit ziemlicher Sicherheit einen Zusammenbruch des völlig überschuldeten globalen
Finanzsystems in Höhe von 2,4 Billiarden Dollar auslösen. Aber auch viele
Aspekte der Weltordnung sind in Unordnung geraten.
Das Geschäftsmodell der ehrgeizigen Rolle der Golfstaaten im internationalen
Handel und Finanzwesen sowie der luxuriöse Lebensstil der Eliten, die durch
amerikanische Militärstützpunkte geschützt werden, liegt in Trümmern. Der
kollektive Westen ist nicht mehr so kollektiv, die NATO versagt. Die gesamte
Nachkriegsarchitektur bröckelt und der Globale Süden ist entschlossen, 500 Jahre
Kolonialismus endgültig zu beenden.
Die alte Ordnung zerfällt, die Gestalt der neuen ist noch ungewiß. Aber das
größte Opfer könnte unsere Menschlichkeit sein. Diese kriegerische Sprache –
„den Iran zurück in die Steinzeit bomben, wo er hingehört“; „keine Gnade, kein
Erbarmen für unsere Feinde“ – das sind die Kommentare, die viele, die sich zu
Wort melden, amerikanische wie auch internationale Rechtsexperten, dazu
veranlassen, die Verletzung des Völkerrechts und des Kriegsrechts zu
kritisieren.
Kardinal Cupich aus Chicago appelliert an das Gewissen und protestiert gegen
ein Video auf dem offiziellen X-Account des Weißen Hauses, das Szenen aus
Actionfilmen mit realem Material aus dem Krieg gegen den Iran kombiniert. Die
Worte von Papst Leo XIV. an diesem Osterfest während seiner Urbi et
Orbi-Ansprache waren eine klare Botschaft, die sich unmißverständlich an die
Urheber dieses gefährlichen Krieges in Südwestasien richtete:
„Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu
beginnen, entscheide sich für den Frieden! Nicht für einen Frieden, der mit
Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog! Nicht mit dem Willen, den anderen
zu beherrschen, sondern ihm zu begegnen!“1
Ein radikal anderer Ansatz
Wo soll das enden? Wie wir im Laufe dieses Zoom-Meetings hören werden, könnte
das System der Nichtverbreitung von Atomwaffen fast irreversibel zerstört sein.
Viele Nationen kommen zu dem Schluß, daß der Besitz von Atomwaffen der einzige
Weg ist, einen Angriff abzuwenden. Das Völkerrecht verschwindet, zugunsten einer
kompletten Rückkehr zum Prinzip „Macht geht vor Recht“ – wenn wir das überhaupt
überstehen und nicht in der Illusion untergehen, ein auserwähltes Volk könne ein
thermonukleares Armageddon überleben.
Die Länder der Welt können jetzt entweder das annehmen, was wir jetzt
vorschlagen, oder den Weg bis zum Ende gehen und den Krieg mit der Option des
Einsatzes von Atomwaffen ausfechten lassen.
Noch besteht die Chance, sich für die erste Option zu entscheiden. Was wir
also vorschlagen möchten, ist ein radikal anderer Ansatz, der nicht die
gegenwärtigen politischen Entwicklungen der verschiedenen politischen Kräfte
linear in die nahe Zukunft fortsetzt, sondern Südwestasien aus der Perspektive
betrachtet, wie es in 20, 50 oder 100 Jahren aussehen könnte.
Heute fliegen die Artemis-Astronauten zum ersten Mal 4000 Meilen weit über
den Mond hinaus. Das bringt Menschen an den weitesten Punkt im Weltraum, den wir
je erreicht haben, und das ist ein hervorragender Moment, um darüber
nachzudenken, bald die verschiedenen Weltraummissionen von Artemis, Roskosmos,
Chang’e, Tianwen und anderen Nationen zu einer einzigen Mission der
Weltgemeinschaft zusammenzuführen. Denn uns wird klar geworden sein, daß die
Herausforderungen der interstellaren Raumfahrt in einem Universum mit mehr als 2
Billionen Galaxien viel zu groß sind, als daß ein Land sie allein bewältigen
könnte. Wenn wir unseren Planeten aus der Perspektive des gesamten Universums
betrachten, dann sehen wir keine geopolitischen Konflikte, sondern nur das
gemeinsame Interesse der ganzen Menschheit am Fortschritt.
Dann wird es als selbstverständlich gelten, daß wir in dieser Region,
Südwestasien, alle verfügbaren Technologien eingesetzt haben, um die Wüste in
grüne Landschaften mit Kanälen und künstlichen Seen, ausgedehnten Wäldern,
landwirtschaftlichen Betrieben und Märkten zu verwandeln. Dann wird das heutige
Niveau von KI, Quantencomputern und Meereslandwirtschaft wie technologische
Fossilien aus einer früheren Ära erscheinen. Die entwickelte
Kernfusionswirtschaft wird den Kampf um den Zugriff auf Öl und Gas sowie die
Grundbedürfnisse der Weltbevölkerung für lange Zeit überwunden haben.
Wenn wir in dieser Weise die Sicht unserer Nachkommen zu unserer eigenen
Perspektive machen, sollten die Intellektuellen, Wissenschaftler und Ingenieure
aus den verschiedenen Ländern Südwestasiens – von Indien bis zum Mittelmeer, vom
Kaukasus bis zu den Golfstaaten – diese Region als Ganzes betrachten und unter
Berücksichtigung der geographischen Gegebenheiten entscheiden, welche
Entwicklungskorridore am besten geeignet sind, um sie in voll entwickeltes Land
zu verwandeln.
Infrastruktur für die gesamte Region
Da fast die gesamte Region eine sich ausbreitende Wüste ist, hat die
Schaffung neuer Wasserquellen Priorität, ausgehend von verschiedenen Komponenten
– von einem Kanalsystem vom Mittelmeer zum Toten Meer über die Entsalzung großer
Mengen Meerwasser mit Hilfe friedlicher Kernenergie, den Zugang zu
Grundwasserleitern, den Einsatz von Weltraumtechnologie zur Lokalisierung
unterirdischer Seen bis hin zur Ionisierung der Luftfeuchtigkeit.
China hat bereits große Gebiete wie Xinjiang und den Nordosten von Wüsten in
reiche Wirtschaftsgebiete verwandelt und seine Unterstützung angeboten. Die
Fünf-Meere-Strategie des syrischen Präsidenten Assad aus dem Jahr 2004, die das
Mittelmeer, den Indischen Ozean, das Rote Meer, das Kaspische Meer und das
Schwarze Meer verbindet, ist nach wie vor ein gültiges Konzept für ein
Infrastrukturnetz, das Wasserstraßen, Hochgeschwindigkeitsbahnen und Autobahnen
als Hauptverkehrsadern innerhalb von Entwicklungskorridoren integriert, mit
Energieverteilung und Kommunikationssystemen im Mittelpunkt, um
Standortbedingungen für Investitionen in neue Städte, Industrieparks und
Entwicklungszonen zu schaffen. Ein Großteil der Strecken ist seit den Zeiten der
alten Seidenstraße bekannt. Andere wird man anhand technologischer Durchbrüche
entwerfen.
Hier sind einige von vielen möglichen Beispielen:
Ein solcher Korridor könnte Teheran über Bagdad und Amman mit Akaba
verbinden, dann weiter nach Scharm El-Scheich und Kairo, was teilweise bereits
im Bau ist. Die Eisenbahnverbindung Iran-Irak-Syrien befindet sich in der frühen
Planungsphase, der gesamte Korridor Bagdad-Amman-Kairo ist noch nicht in
Betrieb. Diese Strecke überquert den Euphrat, wo alte Handelswege in moderne
Korridore umgewandelt werden können, vom Hafen von Basra im Irak am Persischen
Golf weiter nordwestlich bis nach Aleppo. Davon sind 51 Kilometer bereits
gebaut. Die „Iraq Development Road“ (Irak-Entwicklungsstraße) ist ein 17
Milliarden Dollar teures Hochgeschwindigkeitsbahn- und Autobahnprojekt von Basra
bis zur türkischen Grenze bei Aleppo. Die erste Phase soll 2031 betriebsbereit
sein. Bestehende Bahnstrecken sollen zu Schnellbahnnetzen modernisiert und mit
Autobahnen sowie Energieverteilungs- und Kommunikationssystemen integriert
werden. Das ist bereits im Gange.
Syrien und der Irak sanieren und modernisieren aktiv bestehende Strecken
durch vollständige Integration. Dies könnte beschleunigt werden, wenn es
priorisiert würde. Die Landverbindung nach Indien, die das iranische
Schienennetz mit Zahedan an der iranisch-pakistanischen Grenze verbindet, ist in
Betrieb. Der Güterverkehr zwischen Zahedan im Iran und Quetta in Pakistan wurde
wieder aufgenommen. Die Eisenbahnstrecke Chabahar-Zahedan steht 2026 kurz vor
der Fertigstellung. Weitere Strecken führen von Deir ez-Zor über Tadmor
(Palmyra) nach Damaskus und Beirut. Das ist in Arbeit.
Der Wiederaufbau der syrischen Eisenbahn nach dem Bürgerkrieg ist im Gange,
einschließlich der Strecke von Damaskus nach Deir ez-Zor. Die Verbindung nach
Beirut bleibt politisch schwierig, wird aber diskutiert. Eine weitere
Nord-Süd-Verbindung führt von Syrien zu den Industriegebieten am Suezkanal; das
befindet sich in der Planung. Syrien und Ägypten haben erste Gespräche geführt,
doch es gibt noch keine aktiven Bauarbeiten.
Eine weitere Südbahn verläuft von Damaskus nach Mekka und Medina. Im
September 2025 einigten sich die Türkei, Syrien und Jordanien auf eine
Wiederbelebung der historischen Hedschasbahn. Der Wiederaufbau ist geplant, hat
aber noch nicht begonnen. Ein Tunnel unter der Meerenge von Bab el-Mandab von
Dschibuti zur Arabischen Halbinsel ist noch nicht im Bau, die Finanzierung ist
noch nicht durchgeplant, könnte aber beschlossen werden.
Einige Verbindungen nach Europa, zum Schwarzen Meer und nach Rußland sind
vorhanden. Bestehende Bahn- und Fährverbindungen über die Türkei nach Europa
sind in Betrieb; Sanktionen beeinträchtigen jedoch die Verbindung nach Rußland.
In 20, 30, 50 Jahren könnte die integrierte Infrastruktur ganz Südwestasiens so
dicht sein wie heute die Großregion um Shenzhen, Guangdong und Zhuhai in
China.
Wenn sich alle Nationen Südwestasiens auf eine solche Entwicklungsperspektive
einigen würden, läge dies auch im wahren Interesse der Vereinigten Staaten und
der europäischen Nationen, weil sie anstelle der Gefahren eines drohenden
Weltkriegs eine Perspektive gemeinsamen Wohlstands definieren würde. Und es
würde die Existenz Israels garantieren, das unmöglich auf seine eigene
Sicherheit zählen kann, wenn es von Nachbarn umgeben ist, die über Generationen
von Haß beherrscht werden.
Die Bedeutung der Globalen Mehrheit
Klar ist auch, daß die Länder der Globalen Mehrheit das größte
Mitspracherecht bei der Gestaltung der zukünftigen Weltordnung haben müssen,
denn ein Einsatz von Atomwaffen würde auch sie zerstören, wenn auch vielleicht
erst einige Wochen später, wie der indonesische Präsident Sukarno schon 1955 auf
der Asiatisch-Afrikanischen Konferenz in Bandung warnte. Wie er damals betonte,
mögen die Länder des Globalen Südens politisch und wirtschaftlich noch relativ
schwächer sein, aber gemeinsam stellen sie eine moralische Autorität dar, um
ihre Stimme für den Frieden in der Welt zu erheben.
Da in diesem gegenwärtigen Konflikt das Schicksal der gesamten Menschheit auf
dem Spiel steht, müssen die Länder des Globalen Südens – und sie sind seitdem
viel stärker geworden – eine aktive Rolle bei der Entscheidung seines Ausgangs
übernehmen. Die internationale Gemeinschaft muß eine gemeinsame
Entwicklungsperspektive verfolgen, die den Erweiterten Oasenplan sowie den
Afrika-Plan für 2063 und weitere Komponenten der vom Schiller-Institut 2014
vorgestellten Perspektive der „Weltlandbrücke“ umfassen muß.
Dies muß mit einem Dialog der Zivilisationen einhergehen, der die besten
Traditionen aller Kulturen und Zivilisationen hervorhebt, denn ein solcher
Ansatz wird zeigen, daß die Fackel des Fortschritts der Menschheit über die
Jahrtausende hinweg von einer Zivilisation zur nächsten weitergereicht wurde –
von Äthiopien über China, Persien, Indien und Mesopotamien, vom Land der Tausend
Städte über Ägypten bis hin zu Griechenland und schließlich nach Amerika.
Ein Dialog all dieser kulturellen Beiträge wird allen Menschen auf der Erde
verdeutlichen, welcher enorme Reichtum in der Einheit in der Vielfalt liegt –
daß wir zwar alle die Fähigkeit teilen, universelle Prinzipien in Wissenschaft
und Kunst zu entdecken, die für die gesamte Menschheit gelten, daß die Vielfalt
jedoch tatsächlich eine Bereicherung ist, die alle kulturell reicher macht und
eindeutig die Absicht des Schöpfers ist.
Betrachtet man den längeren Bogen der menschlichen Entwicklung, der im
Vergleich zur Entwicklung unseres Universums eigentlich nur eine kurze
Zeitspanne darstellt, so wird deutlich, daß sich die Theorie des russischen
Wissenschaftlers Wladimir Wernadskij als richtig erwiesen hat, nämlich, daß die
Macht der Noosphäre im Verhältnis zur Macht der anorganischen Welt und der
Biosphäre kontinuierlich zunimmt, d.h., die Rolle der schöpferischen Vernunft
gewinnt als geologische Kraft in der Evolution an Bedeutung.
Aus dieser Perspektive stehen wir als menschliche Gattung nun vor der
Herausforderung, das neue Paradigma, das sich aus der gestiegenen Bedeutung der
Noosphäre ergibt, darauf anzuwenden, wie wir unsere politischen und
wirtschaftlichen Angelegenheiten untereinander organisieren. Dies erfordert, daß
wir die Grundannahmen unseres Menschenbilds und unser Denken über die Rolle des
Menschen im Universum entsprechend ändern, was bedeutet, daß wir das Interesse
der Menschheit als Ganzer an erste Stelle setzen müssen, bevor wir alle anderen
nationalen und kulturellen Interessen in Übereinstimmung mit dem Interesse der
Menschheit definieren.
In der gesamten klassischen Literatur besteht der Unterschied zwischen einem
tragischen Ausgang eines Dramas und der Fähigkeit, eine Lösung auf einer höheren
Ebene zu finden als der, auf welcher der Konflikt entstanden, in der Fähigkeit
der Hauptakteure, ihr Denken auf die Ebene des Erhabenen zu heben – die
Geisteshaltung, die mit kreativem Denken, mit Agape, mit der Liebe zur
Menschheit verbunden ist. Der erhabene Geist strebt nicht nach persönlichem
Vorteil oder Vergnügen, sondern verbindet seine Identität mit dem Schicksal der
gesamten Menschheit, nicht nur in der Gegenwart, sondern für alle kommenden
Generationen.
Niemand kann leugnen, daß es die Übernahme des liberalen Paradigmas in der
westlichen Zivilisation war – die Vorstellung, „alles ist erlaubt“ –, die mit
einer Auslöschung unseres klassischen Erbes einherging, was zum Verschwinden des
Erhabenen in unserem Denken geführt hat. Es kann wiederbelebt werden, aber nur,
wenn wir dies als bewußte Handlung tun.
Das ist die Prüfung, von der ich gesprochen habe: ob wir als Gattung die
moralische Stärke haben, zu überleben. Was wir hier also vorschlagen, ist kein
willkürlicher utopischer Vorschlag, sondern ein ganz konkreter, wenn auch nicht
pragmatischer Weg, um eine Zukunft für die Menschheit zu schaffen. Vielen
Dank.
Anmerkung
1. Botschaft "Urbi et Orbi" von Papst Leo XIV., Ostersonntag, 5. April 2026.
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