Der Raumfahrtsektor:
Ein Schlüssel zur wirtschaftlichen Erholung Deutschlands
Von Dean Andromidas und Christoph Mohs
Im Krisenforum des Schiller-Instituts „Der freie Fall der
deutschen Wirtschaft muß gestoppt werden! Deutschland muß vor dem Ausverkauf
gerettet werden!“ am 1. September präsentierte Christoph Mohs Kernpunkte einer
Studie von Dean Andromidas. (Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.)
Die Rolle deutscher Pioniere bei der Erforschung des Weltraums kann gar nicht
hoch genug eingeschätzt werden. Dieses Erbe beginnt mit dem großen Astronomen
Johannes Kepler (1571-1630), der im Zuge der Renaissance und ihrer
wissenschaftlichen Herangehensweise an Fragestellungen derartiger Tragweite mit
der bisherigen Tradition scholastisch-dogmatischer Interpretationen der
Himmelsphänomene brach. Unter den vielen wichtigen deutschen Beiträgen ist auch
Carl Friedrich Gauß (1777-1855) zu nennen, der schon in jungen Jahren eine
komplexe, eigens dafür entwickelte geometrische Konstruktion zur Grundlage
seiner Vorhersage der Bewegung eines Himmelskörpers machte.
Im 20. Jahrhundert veröffentlichte Hermann Oberth (1894-1989), der als Vater
der modernen Raketentechnik gilt, 1923 sein bahnbrechendes Buch Die Rakete zu
den Planetenräumen, in dem erstmals der Flüssigkeitsantrieb und die Physik
des interplanetaren Flugs beschrieben wurden. Es waren Oberth und andere frühe
deutsche Raketenbegeisterte, die 1927 den Verein für Raumschiffahrt (VfR)
gründeten. Ein prominentes Mitglied dieses Vereins, Wernher von Braun
(1912-1977), wurde dann Chefkonstrukteur der Saturn-V-Rakete, die die ersten
Menschen zum Mond beförderte. Darüber hinaus entwickelte der
deutsch-amerikanische Weltraumwissenschaftler Krafft Ehricke (1917-1984) mit
seinem einflußreichen Konzept des „extraterrestrischen Imperativs“ die geistige
Architektur für die Kolonisierung und wirtschaftliche Erschließung des Mondes.
Auch heute spielt Deutschland durch seine zahlreichen Forschungsinstitute,
einen dynamischen kommerziellen Raumfahrtsektor und seine vorrangige Beteiligung
an der ESA eine führende Rolle in der Weltraumforschung. Der Raumfahrtsektor muß
als einer der wichtigsten Motoren für Wissenschaft und Technologie eine führende
Rolle in Deutschlands Struktur- und Konjunkturprogramm zur Wiederbelebung der
Volkswirtschaft vor allem im Hochtechnologiesektor spielen. Der vorliegende
Bericht bietet einen vorläufigen Überblick über die deutschen Kompetenzen und
das Engagement in Schlüsselprojekten, die Rolle des Sektors als wichtiger
Wachstumsmotor sowie das Potential zur Markterweiterung durch Zusammenarbeit mit
internationalen Partnern außerhalb Europas – wie Indien, die Entwicklungsländer
des Globalen Südens und natürlich die führenden Weltraumnationen Rußland, China
und Vereinigte Staaten.
Eine selbständige europäische bemannte Raumfahrt
Der anspruchsvollste nächste Meilenstein für die deutsche und europäische
Raumfahrtindustrie ist die Entwicklung einer autonomen Fähigkeit bemannter
Raumfahrt, also der eigenständigen Fähigkeit, gesamte Weltraummissionen ohne das
Zutun externer Player zu verwirklichen – ein Ziel, das längst überfällig ist.
Die ESA hat sich das Jahr 2040 als Frist für die Erreichung dieses Ziels
gesetzt. Ebenfalls vorgesehen ist eine von Europa geführte Raumstation.
Derzeit tragen die erheblichen Kapazitäten Europas und Deutschlands eher zu
den Bemühungen anderer Nationen, darunter der Vereinigten Staaten, im Bereich
der bemannten Raumfahrt bei. Zwar ist internationale Zusammenarbeit unerläßlich,
um wissenschaftlich-technologische Forschung zu bündeln und zu finanzieren, doch
ein Mangel an eigenständigen Kapazitäten macht Europa anfällig für externe
strategische Veränderungen, wie beispielsweise die Überarbeitungen des
amerikanischen Artemis-Programms im Februar 2026.
Die Beherrschung der bemannten Raumfahrt erfordert den Aufbau
fortschrittlicher technologischer und industrieller Kapazitäten sowie der
Infrastruktur für Missionen in den Weltraum. Die für Januar 2031 geplante
Stilllegung der Internationalen Raumstation (ISS) hat die ESA und deutsche
Entscheidungsträger dazu veranlaßt, ernsthaft über die Errichtung einer von
Europa geführten Raumstation nachzudenken. Diese Plattform würde nicht nur der
Forschung in der erdnahen Umlaufbahn dienen, sondern auch als wichtige
Zwischenstation für künftige Mond-, Mars- und interplanetare Missionen
fungieren.
Die deutsche Raumfahrtindustrie entwickelt bereits Konzepte für
robotergesteuerte Weltraumfabriken, die für den Bau großer Satelliten und
komplexer Strukturen in der Umlaufbahn ausgelegt sind. Diese erfordern
hochinnovative Serienfertigungsverfahren. Der umfangreiche Maschinenpark und die
fortschrittliche Fertigungstechnik der deutschen Automobilindustrie könnten
einen entscheidenden Beitrag zu diesem Übergang von der terrestrischen zur
extraterrestrischen Fertigung und zum Transport leisten. Die europäische Luft-
und Raumfahrtindustrie ist bestens gerüstet, um sich der Herausforderung des
„extraterrestrischen Imperativs“ der Menschheit zu stellen.
Ausgleich zwischen ziviler Expansion und Verteidigungsprioritäten
Eine große strategische Herausforderung für die Zukunft ist das Bestreben
innerhalb der Europäischen Union, neben den zivilen auch die militärischen
Weltraumfähigkeiten auszubauen. Im Februar 2026 kündigte Generalmajor Michael
Traut, Kommandeur des Deutschen Weltraumkommandos, an, Deutschland beabsichtige,
35 Milliarden Euro in die militärische Weltrauminfrastruktur zu investieren.
Dazu gehören Aufklärungssatelliten, weltraumgestützte Lasersysteme und eine
verschlüsselte Konstellation von mehr als 100 Kommunikationssatelliten.
Es besteht die Gefahr, daß dieses umfangreiche militärische Programm im
niedrigen Erdorbit (LEO) qualifizierte Ingenieure und materielle Ressourcen von
hochproduktiven zivilen Wirtschaftssektoren abziehen könnte. Da die meisten
führenden Luft- und Raumfahrtunternehmen sowohl im zivilen als auch im
Verteidigungsbereich tätig sind, wird es entscheidend sein, diese
konkurrierenden Prioritäten in Einklang zu bringen.
Wir konzentrieren uns im folgenden auf die zivilen Fähigkeiten zur
Verwirklichung des „extraterrestrischen Imperativs“ und zur Förderung der
globalen wirtschaftlichen Entwicklung. Dabei ist festzustellen, daß die
strategische Zusammenarbeit mit den expandierenden BRICS-Staaten – darunter
Indien, Brasilien, Südafrika und Ägypten – ein immenses Potential birgt. Von
besonderer Bedeutung ist der Ausbau der Partnerschaft mit afrikanischen Nationen
und Organisationen. Die Entwicklung der afrikanischen Weltraumressourcen und
-infrastruktur bietet einen direkten Markt für den deutschen Raumfahrtsektor. Im
weiteren Sinne wird die Unterstützung einer dauerhaften, hochtechnologischen
industriellen Entwicklung die kollektiven materiellen und wissenschaftlichen
Kapazitäten schaffen, die erforderlich sind, um als nächste Expansionsoption der
Menschheit den Weltraum zu erschließen.
Raumfahrtsektor: Schnelles Beschäftigungswachstum
Deutschland und der gesamte europäische Kontinent verfügen über ein
vollständiges Ökosystem, das alle Aspekte der Raumfahrtwirtschaft abdeckt.
Gestützt durch ein starkes Netzwerk aus Forschungseinrichtungen und technischer
Infrastruktur sind große Akteure wie Airbus und OHB SE neben mehr als 300
spezialisierten Raumfahrtunternehmen und Tausenden von Zulieferern tätig. Da der
Raumfahrtsektor eng mit der Werkzeugmaschinenindustrie – traditionell
Deutschlands widerstandsfähigstem Maschinenbausektor – verflochten ist, ist
er in hohem Maße für den Transfer fortschrittlicher Technologien optimiert. Das
immense Wachstumspotential dieses Marktes spiegelt sich direkt in den
Beschäftigungsstatistiken wider:
- Derzeit sind europaweit im Raumfahrtsektor etwa 66.100 Personen in den
Bereichen Fertigung, Startdienstleistungen und Dienstleistungen beschäftigt;
Prognosen zufolge soll diese Zahl bis 2030 auf 104.000 steigen.
- Das breitere Ökosystem der Luft- und Raumfahrt sowie der
Verteidigungsindustrie sichert 1,1 Millionen direkte Arbeitsplätze und bis zu
4,2 Millionen indirekte Arbeitsplätze in ganz Europa. Diese Zahlen sind noch
höher, wenn man die Analyse von Erdbeobachtungsdaten, GNSS-Anwendungen (Globales
Navigationssatellitensystem) und die nachgelagerte Dienstleistungsentwicklung
mit einbezieht.
- Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beschäftigt an seinen
Standorten über 11.700 Mitarbeiter, während die heimische kommerzielle
Raumfahrtindustrie rund 10.000 Beschäftigte zählt. Bezieht man den gesamten
heimischen Luft- und Raumfahrtsektor mit ein, beläuft sich die Beschäftigung auf
mehr als 130.000, mit einer prognostizierten Wachstumsrate von 9% im kommenden
Jahr.
Die deutsche Raumfahrtwirtschaft wächst rasant und gehört damit zu den
dynamischsten Hochtechnologiesektoren des Landes. Einige Analysten warnen davor,
daß der Ausbau der militärischen Raumfahrtinfrastruktur zu einer Überlastung der
Ingenieurkapazitäten führen könnte, der Datenboom schafft jedoch ein
immenses kommerzielles Potential. Private Unternehmen nutzen die nachgelagerte
Datenverarbeitung für Smart Farming, Hydrologie, die Exploration fossiler
Energieträger unter der Erdoberfläche und die industrielle Logistik.
Deutschlands aktuelle Rolle in wichtigen Raumfahrtprojekten
Deutschlands Raumfahrtsektor ist grundlegend in die breit gefächerten
Aktivitäten der ESA eingebunden, einer Vertragsorganisation mit 22
Mitgliedstaaten. Deutschland fungiert als eine der wichtigsten finanziellen
Säulen und trägt rund 23% zum Jahresbudget der ESA in Höhe von 8 Milliarden Euro
bei. Im Inland werden die Aktivitäten des Landes vom DLR koordiniert. Sein
Auftrag reicht weit über die traditionelle Luft- und Raumfahrt hinaus und umfaßt
Forschung und Entwicklung in den Bereichen Energie, Verkehr, Sicherheit und
Verteidigung. Es fungiert zudem als Deutschlands zentraler Projektträger für die
vom Bund geförderte Weltraumforschung.
Traditionelle Branchen stützen sich zunehmend auf satellitengestützte Daten
für Smart Farming, Logistik, Industrie 4.0 und Infrastrukturüberwachung. Dieser
Trend erfordert eine massive Zunahme der Orbitalstarts. Die deutsche
Satellitenindustrie ist weltweit führend, insbesondere bei hochpräzisen
Erdbeobachtungs- und Navigationstechnologien. Neben den großen
Hauptauftragnehmern verfügt Deutschland über ein vollständiges industrielles
Zuliefer-Ökosystem, das von spezialisierten Technologieclustern unterstützt
wird.
Die Ariane 6 ist Europas neueste Trägerrakete für mittlere bis schwere
Nutzlasten und setzt die Tradition der Ariane-Raketenfamilie fort. 13
Länder und mehr als 600 Unternehmen beteiligen sich an dem Programm.
Deutschlands Rolle ist dabei von großer Bedeutung; das Land stellte 20,8% der
Mittel für das Entwicklungsprogramm bis zum Erstflug bereit. Außerdem entfallen
rund 19% des gesamten industriellen Arbeitsaufwands des Projekts auf deutsche
Firmen.
Unterdessen entwickeln deutsche „New Space“-Startups ihre eigenen
wiederverwendbaren Raketen. Zu diesen Unternehmen gehören Isar Aerospace in
München, Rocket Factory Augsburg (RFA) und HyImpulse Technologies in Neuenstadt
am Kocher. Dieser Wandel hin zur Wiederverwendbarkeit wird durch die
Anforderungen an den „New Space“-Sektor für Starts kommerzieller Satelliten
vorangetrieben.
Als führendes Mitglied der ESA leistet Deutschland wesentliche Beiträge zu
dem von der NASA geleiteten Artemis-Programm zur Erforschung des Mondes. Das
Engagement der ESA garantiert die europäische Beteiligung an historischen
Missionen – einschließlich Plätzen für europäische Astronauten auf zukünftigen
Flügen – und treibt gleichzeitig das langfristige Ziel Europas voran, eigene
bemannte Weltraummissionen zu starten.
Deutschland spielt auch eine führende Rolle bei der Beteiligung der ESA an
der internationalen Raumstation ISS und ist deren größter einzelner Geldgeber,
der zwischen 39 und 41% des europäischen Anteils finanziert. Bisher waren vier
deutsche Astronauten an Bord der ISS im Einsatz. Deutschland war am Bau des
Columbus-Labors, des wichtigsten europäischen Wissenschaftsmoduls auf der ISS,
beteiligt und leitet derzeit dessen Betrieb. Die DLR-Niederlassung in
Oberpfaffenhofen bei München beherbergt das Columbus-Kontrollzentrum, welches
das Labor rund um die Uhr überwacht und steuert.
Darüber hinaus beherbergt das DLR an seinem Hauptsitz in Köln neben seinen
Forschungsabteilungen für Luft- und Raumfahrtmedizin auch das Europäische
Astronautenzentrum (EAC) und die neue LUNA-Analoganlage.
Angesichts des für 2031 geplanten Auslaufens des ISS-Betriebs mit einem
gezielt herbeigeführten Absturz aus dem Orbit auf die Erde (bzw. ins Meer) hat
die ESA Studien zum Bau einer zukünftigen europäischen Raumstation in Auftrag
gegeben. Derzeit werden mehrere Betriebsszenarien unter Einbeziehung
kommerzieller Partner evaluiert. Es wird erwartet, daß Deutschlands etablierte
ISS-Infrastruktur und spezialisierte Raumfahrtzentren bei diesen künftigen
Orbitalmissionen eine zentrale Rolle spielen werden.
Deutschland beteiligt sich durch seine Mitgliedschaft in der ESA auch aktiv
an der Entwicklung von nuklearthermischen und Ionen-Antriebssystemen (Nuclear
Thermal Propulsion, NTP; und Nuclear Electronic Propulsion, NEP) für
Raumfahrzeuge. Kernenergie gilt weithin als unverzichtbar für die Zukunft der
Erforschung des erdfernen Weltraums, und internationale Missionen schreiten
bereits voran. So hat beispielsweise die NASA für Ende 2028 den Start des „Space
Reactor-1 Freedom“ geplant, des ersten durch Kernspaltung angetriebenen
interplanetaren Raumfahrzeugs der Menschheit, das NEP im fernen Weltraum
demonstrieren soll. Diese Pioniermission wird die „SkyFall“-Nutzlast mitführen
und drei Mars-Hubschrauber einsetzen, um Landeplätze für zukünftige bemannte
Missionen zu erkunden.
Kooperation mit Rußland und China
Neben dem Engagement innerhalb der ESA blickt Deutschland auf eine lange
Tradition hochwertiger Zusammenarbeit mit Rußland und China im Bereich der Luft-
und Raumfahrt zurück. Bevor geopolitische Verschiebungen die internationale
Weltraumpolitik veränderten, finanzierte die Europäische Union große gemeinsame
Forschungsprogramme unter Beteiligung russischer Institutionen, wie das
Megawatt-Projekt (2013-14), das Projekt DEMOCRITOS (2017) und Globale
Expertenbeiträge.
Aktuelle geopolitische Verschiebungen und die strikte Raumfahrtpolitik der
USA und Chinas schränken jedoch Deutschlands Möglichkeiten zur Zusammenarbeit
bei Chinas aktuellen, teilweise bemannten Raumfahrtprogrammen ein. Dazu gehören
Einschränkungen bei der Beteiligung an der Raumstation „Tiangong“ und der
Internationalen Mondforschungsstation (ILRS) – zwei bedeutenden Initiativen, bei
denen gemeinsame chinesisch-deutsche Forschung zu entscheidenden
wissenschaftlichen Durchbrüchen führen könnte.
Potential für massive Expansion
Das langfristige Wachstum des deutschen und europäischen Raumfahrtsektors
läßt sich erfolgreich über zwei unterschiedliche, jedoch miteinander verknüpfte
strategische Wege erreichen:
Weg 1: der extraterrestrische Imperativ und die Infrastruktur für den
Weltraum. Der erste Weg erfordert ein ideologisches und finanzielles
Bekenntnis zur Erforschung des Weltraums. Die Verfolgung dieses Weges beinhaltet
die Beherrschung von Antriebssystemen auf Basis von Kernspaltung und Kernfusion,
den Bau von Raumstationen in der Umlaufbahn, die Errichtung von Weltraumhäfen im
All sowie die Einrichtung automatisierter Fertigungsanlagen. Das oberste Ziel
muß darin bestehen, autarke Kolonien auf dem Mond und dem Mars zu unterhalten.
Allein aufgrund des finanziellen und technologischen Umfangs kann dieser Weg
ohne eine enge Zusammenarbeit zwischen den weltweit führenden Raumfahrtmächten
nicht verwirklicht werden.
1984 stellte Krafft Ehricke seinen Vorschlag zur Gründung eines
Mond-Stadtstaates vor, den er „Selenopolis“ nannte – benannt nach der
griechischen Mondgöttin Selene und dem griechischen Begriff für Stadt,
polis. Die Stadt war für eine Bevölkerung von 100.000 Bürgern vieler
Nationen der Erde ausgelegt und sollte ein autarker und selbstverwalteter
Stadtstaat werden. Auf einer Fläche von etwa 100 Quadratmeilen (~260 km²) würde
die Stadt aus mehreren Bauwerken im Stil von Quonsetbaracken bestehen – jedes
mehrere Kilometer lang –, die unter einer großen Kuppelkonstruktion angeordnet
wären. Dadurch würde eine erdähnliche Umgebung entstehen, die Wohnraum,
öffentliche Einrichtungen, Schulen, Krankenhäuser sowie spezielle Forschungs-,
Industrie- und Landwirtschaftseinrichtungen bieten würde. Ehricke schlug vor,
daß mit der Entwicklung bereits im Jahr 2029 begonnen werden könnte.
Inspiriert von Ehrickes Vision stellte der ehemalige Generaldirektor der ESA,
Jan Wörner, 2015 das Konzept des „Monddorfs“ vor – „Moon Village“ –, um eine
dauerhafte Präsenz von Menschen und Robotern auf dem Mond zu etablieren. Das
„Moon Village“ ist als multinationales Projekt konzipiert, das allen
Raumfahrtnationen offensteht und auf der Tradition der Zusammenarbeit im Rahmen
der Internationalen Raumstation aufbaut; es soll zu einer gemeinsamen
Partnerschaft für die Erforschung des Weltraums und die Industrialisierung des
Mondes werden. Diese Initiative würde Einrichtungen begrüßen, die von nationalen
Raumfahrtbehörden, öffentlichen und privaten Forschungsinstituten sowie
kommerziellen Unternehmen wie Bergbaugesellschaften betrieben werden.
Letztendlich wird der Mond als wichtigste Operationsbasis für interplanetare
Reisen dienen. Die Erschließung der Mondressourcen wird die Materialien liefern,
die für langfristige interplanetare Projekte erforderlich sind. So könnten
beispielsweise die reichen Helium-3-Vorkommen des Mondes als wichtige
Treibstoffquelle für die fortschrittlichen, auf Kernfusion basierenden
Antriebssysteme dienen, die für weite Missionen in den Weltraum benötigt werden,
und das als Regolith bezeichnete Oberflächenmaterial des Mondes könnte sowohl
als Bausubstanz der zu errichtenden Gebäude wie auch als Rohstoff für die
Ressourcengewinnung verwendet werden.
Weg 2: Integration des Globalen Südens und Industrialisierung
Afrikas. Der zweite Weg konzentriert sich auf den Aufbau integrierter
weltraumindustrieller Kapazitäten in Entwicklungsländern, insbesondere durch die
Förderung des afrikanischen Raumfahrtsektors. Diese Initiative muß Hand in Hand
mit einer umfassenderen kontinentalen Industrialisierung voranschreiten. Der
Aufbau von Satelliteninfrastruktur, Startkapazitäten und technologischen
Rechenzentren in Afrika wird ein alternatives, hochproduktives geografisches und
wirtschaftliches Tor für die globale interplanetare Raumfahrt schaffen.
Dieser Weg eröffnet die Möglichkeit einer engen Zusammenarbeit mit den
BRICS-Staaten bei gemeinsamen Projekten in ganz Afrika. Diese Initiative würde
sich stark auf den Aufbau der afrikanischen inländischen Satelliteninfrastruktur
und technischer Kapazitäten konzentrieren.
Entscheidend ist, daß dies mehr erfordert als nur die Erhöhung der Anzahl von
Satelliten im Orbit; es erfordert parallele Investitionen in die Fähigkeit,
vorhandene Daten zu verwerten. Das bedeutet den Bau regionaler Bodenstationen
und die Bereitstellung fortgeschrittener Schulungen für lokale Ingenieure, damit
diese die riesigen Datenmengen nutzen können, die von bestehenden
Orbital-Systemen generiert werden. Die Entwicklung dieser Fähigkeiten ist für
die Modernisierung von Landwirtschaft, Bergbau und Verkehr in Afrika
unerläßlich.
Darüber hinaus bietet Afrikas geographische Lage beiderseits des Äquators
ideale Bedingungen für Weltraumbahnhöfe, da Starts vom Äquator aus die
Geschwindigkeit einer Rakete durch Ausnutzung der Erdrotation maximieren. Kenia,
das in Ostafrika am Indischen Ozean liegt, bietet einen idealen Standort für ein
solches Vorhaben.
Die Verwirklichung des extraterrestrischen Imperativs der Menschheit
erfordert immense Ressourcen. Derzeit sind die Raumfahrtmächte, die Nutzlasten
zum Mond befördern können, die Vereinigten Staaten, Rußland, China, Europa und
Indien – die größten Volkswirtschaften der Welt. Dieser Kreis muß jedoch
erweitert werden. Man kann sich vorstellen, daß die Wirtschaftsmächte Japan und
Südkorea ein Konsortium ost- und südostasiatischer Staaten nach dem Vorbild der
ESA anführen und die eigenständige Fähigkeit entwickeln, schwere Nutzlasten,
einschließlich bemannter Raumfahrzeuge, zum Mond und in den Weltraum zu
befördern. Ähnliche gemeinsame Programme könnten von afrikanischen und
südamerikanischen Ländern ins Leben gerufen werden, was Deutschland und Europa
beispiellose Möglichkeiten zur Zusammenarbeit bei der Verwirklichung des
extraterrestrischen Imperativs bieten würde.
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