Eine neue, friedliche Weltordnung erfordert Dialog und Zusammenarbeit
Von Botschafter Majid Nili
Majid Nili ist Botschafter der Islamischen Republik Iran in Berlin. Im
Rahmen des dritten Abschnitts der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts hielt er
am 31. Mai den folgenden Vortrag. (Übersetzung aus dem Englischen, die
Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.)
Guten Tag. Meine Damen und Herren, es ist mir eine große Ehre und Freude, an
dieser wichtigen Konferenz hier in Berlin teilzunehmen. Ich möchte den Veranstaltern
des Schiller-Instituts herzlich dafür danken, daß sie Wissenschaftler, Diplomaten und
Denkfabriken aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengebracht haben, um eine der
wichtigsten Fragen unserer Zeit zu erörtern: die Zukunft der internationalen Ordnung
und den Dialog zwischen den Zivilisationen.
Der Kern meiner Ausführungen dauert anderthalb Minuten. Der Rest dient der näheren
Erläuterung. Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich fünf kurze Fragen und Antworten
ansprechen.
Erstens: Ist das Kolonialsystem zu Ende gegangen? Die Antwort lautet: Ja, formal
gesehen ja.
Zweitens: Leiden wir immer noch unter seinem bitteren Erbe und seinen Folgen?
Zweifellos ja.
Die dritte Frage: Welche Beweise stützen diese Behauptung? Gaza mit mehr als
800.000 Zivilisten, der Libanon, der Sudan, Venezuela, Grönland, die Ukraine und
kürzlich Kuba sowie kürzlich mein Land. Sie wissen, daß mein Land innerhalb von
weniger als einem Jahr zweimal von amerikanischen und israelischen Raketen
angegriffen wurde. Sie wissen, daß wir uns sehr gut verteidigt haben. Die Angreifer
waren nicht die Sieger. Wir waren und sind die Sieger.
Eine weitere Frage: Was ist die Lösung? Die Antwort lautet: der Weg hin zu einer
neuen, gerechten und ausgewogenen internationalen Ordnung.
Die letzte Frage: Wie? Indem wir durch Dialog, Widerstand und Widerstandsfähigkeit
zu zivilen bzw. zivilisatorischen Fähigkeiten zurückkehren.
Lassen Sie mich das näher erläutern.
Heute steht die Menschheit an einem historischen Scheideweg. Wir erleben
tiefgreifende geopolitische, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen, die die
Grundlagen der internationalen Beziehungen in den letzten Jahrzehnten neu geprägt
haben. In einer solchen Zeit der Unsicherheit sind Dialog, gegenseitiger Respekt und
internationale Zusammenarbeit notwendiger denn je.
Eine Welt im Wandel
Lassen Sie mich mit dem Thema einer Welt im Wandel beginnen: vom unipolaren zum
multipolaren System. Das heutige internationale System ist grundlegend anders als
das, das nach dem Kalten Krieg entstanden ist.
Über mehrere Jahrzehnte hinweg waren die globalen Angelegenheiten weitgehend von
einer unipolaren Struktur geprägt, in der sich die Entscheidungsgewalt in
politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fragen auf eine begrenzte
Anzahl von Akteuren oder Ländern konzentrierte. Doch die jüngsten Entwicklungen
deuten eindeutig darauf hin, daß diese Phase allmählich einer komplexeren
multipolaren Realität weicht. Aufstrebende Volkswirtschaften, regionale Mächte und
Länder des Globalen Südens streben zunehmend nach einer größeren Rolle bei der
Gestaltung internationaler Entscheidungen, die ihre Entwicklung und Sicherheit
betreffen. Dieser Wandel ist nicht nur Ausdruck von Veränderungen in der
Machtverteilung, sondern auch einer breiteren Forderung nach einer gerechteren und
repräsentativeren globalen Governance.
Obwohl der Kolonialismus vor mehreren Jahrzehnten offiziell endete, ist das
internationale System leider noch bis heute von vielen strukturellen Ungleichheiten
geprägt. Länder sind immer noch konfrontiert mit wirtschaftlicher Abhängigkeit,
ungleichen globalen Strukturen, begrenztem Einfluß auf internationale
Entscheidungsprozesse und zudem mit Kriegstreiberei.
An dieser Stelle lautet die zentrale Frage, vor der wir stehen, nicht nur, wie
Krisen bewältigt werden können, sondern, wie eine ausgewogenere, inklusivere und
nachhaltigere internationale Ordnung geschaffen werden kann. Zwischen dem Globalen
Süden und dem Globalen Norden besteht eine enorme Kluft hinsichtlich der
wirtschaftlichen Entwicklung und der politischen Stabilität.
Liebe Freunde, die Weltordnung hat in den letzten Jahren einen tiefgreifenden
Wandel durchlaufen. In diesem Zusammenhang möchte ich fünf zentrale Entwicklungen
hervorheben, die meiner Meinung nach die Hauptelemente der kommenden Ordnung
darstellen.
Erstens erleben wir eine allmähliche Umverteilung von Macht und Einfluß
weltweit, bei der wahrscheinlich kein einzelner Akteur mehr die alleinige
Führungsrolle im internationalen System behalten wird. Der aktuelle Konflikt um den
Iran verdeutlicht die wachsenden Grenzen der amerikanischen Macht und ihre zunehmende
Abhängigkeit von Verbündeten und Partnern hinsichtlich militärischer und
wirtschaftlicher Unterstützung. Dies ist Ausdruck einer Schwächung der Vereinigten
Staaten.
Zweitens spielen aufstrebende regionale und multilaterale Rahmenwerke wie
die BRICS – wie mein Freund [Botschafter Asfaw] erwähnte –, die Länder der Shanghaier
Organisation für Zusammenarbeit, die asiatischen Staaten und die Afrikanische Union
eine immer wichtigere Rolle bei der politischen, wirtschaftlichen und sogar
kulturellen Zusammenarbeit sowie darüber hinaus bei der wissenschaftlichen
Zusammenarbeit.
Drittens nehmen Widerstand und Widerstandsfähigkeit gegen Dominanz,
ausländische Einmischung und von außen auferlegte politische Modelle weltweit zu.
Staaten, Nichtregierungsorganisationen und nichtstaatliche Akteure behaupten
zunehmend ihre Souveränität, verteidigen ihre Unabhängigkeit und lehnen Einmischung
von außen in ihre inneren Angelegenheiten ab.
Viertens beobachten wir die allmähliche Herausbildung eines stärker
zivilisatorisch geprägten, vielfältigen Verständnisses der Weltordnung, in der
unterschiedliche kulturelle und historische Erfahrungen zur globalen Governance
beitragen.
Fünftens benötigen die Vereinten Nationen eine sinnvolle Reform. Das
derzeitige System muß sich zu mehr Neutralität, Inklusivität und einer ausgewogeneren
Umverteilung des Einflusses entwickeln, einschließlich einer Neubewertung des
Vetomechanismus.
Die Rolle des Iran in der heutigen polarisierten Welt
Welche Rolle hat dabei der Iran? Der Iran verkörpert eine der ältesten
Zivilisationen der Welt, und er diente historisch gesehen als Brücke zwischen
Kulturen, Religionen, Regionen und intellektuellen Traditionen. Die iranische Sicht
auf die internationalen Beziehungen betont seit langem Dialog, friedliches
Zusammenleben, gegenseitigen Respekt und kulturelles Verständnis.
In dieser Hinsicht ist das Konzept des Dialogs zwischen den Zivilisationen in der
heutigen polarisierten Welt nach wie vor von großer Relevanz, und der Iran ist der
festen Überzeugung, daß dauerhafter Frieden nicht durch Konfrontation oder
Ausgrenzung erreicht werden kann, sondern nur durch Respekt, Würde, Diplomatie und
konstruktives Engagement zwischen Nationen und Zivilisationen. Der Iran setzt sich
stets für Frieden ein und steht für Frieden und Gerechtigkeit, während er sich
gleichzeitig sehr gut gegen jede Art von Aggression verteidigt.
Bei der Erörterung der sich wandelnden internationalen Ordnung ist es zudem
notwendig, die anhaltenden Herausforderungen im Zusammenhang mit der Anwendung des
Völkerrechts und dem Grundsatz der staatlichen Souveränität anzusprechen. Der Iran
ist seit vielen Jahren anhaltendem Druck von außen ausgesetzt, darunter – wie Sie
bereits sagten – Wirtschaftssanktionen, politische Zwangsmaßnahmen und
Sicherheitsbedrohungen, die er als unvereinbar mit den Grundsätzen der Charta der
Vereinten Nationen und den Normen des Völkerrechts ansieht.
Darüber hinaus ist der Iran unmittelbar von gezielten Sicherheitsvorfällen und
militärischen Spannungen betroffen, die zu Instabilität und erhöhter Unsicherheit in
Teilen Westasiens beigetragen haben. Aus iranischer Sicht verdeutlichen solche
Entwicklungen die Risiken, die mit selektiven Herangehensweisen an das Völkerrecht
und mit Gewalt oder Druck außerhalb des Rahmens multilateraler Legitimität verbunden
sind.
Die weiterreichenden Auswirkungen dieser Politik sind nicht auf den Iran
beschränkt, sie führen auch zu einer Schwächung des Vertrauens in internationale
Normen und Institutionen. Gleichzeitig hat der Iran stets betont, daß nachhaltige
Sicherheit nicht durch Eskalation oder Eindämmungsstrategien erreicht werden kann,
sondern nur durch Dialog, Achtung der Souveränität und die Einhaltung des
Völkerrechts ohne Doppelmoral.
Folgen des US-Angriffs auf die Shajareh-Tayyebeh-Grundschule
Als Beispiel: Wie Sie wissen, wurde vor nicht allzu langer Zeit eine iranische
Grundschule von zwei amerikanischen Raketen getroffen. Mehr als 168 Kinder –
zehnjährige Kinder, Mädchen und Jungen – wurden ins Visier genommen. Von einigen
Ländern kam keinerlei Verurteilung. Das ist Doppelmoral. Das Leben unschuldiger
Menschen, von Kindern – welchen Sinn hat das im Rahmen militärischer Aktionen? Sind
das Soldaten? Nein, zehnjährige Jungen und Mädchen sind keine Soldaten. Sie möchten
eine Zukunft haben. Warum wurden sie ins Visier genommen? Und warum herrscht anstatt
einer Verurteilung Schweigen?
Die Stärkung der multilateralen Diplomatie und die Wiederherstellung des
Vertrauens in internationale Rechtsrahmen bleiben daher für die regionale und globale
Stabilität von entscheidender Bedeutung.
Der letzte Punkt zu diesem Thema: Der Iran hat die Macht der USA herausgefordert.
Der jüngste Krieg ist ein gutes Beispiel dafür.
Abschließend möchte ich betonen, daß die Zukunft der Menschheit nicht von
Herrschaft oder Konfrontation abhängt, sondern von Zusammenarbeit, Dialog,
gegenseitigem Verständnis, Widerstandsfähigkeit und gemeinsamer Verantwortung. Wir
sitzen alle im selben Boot, ganz gleich, wo wir leben – in Amerika, Afrika, Europa
oder Westasien. In der vernetzten Welt von heute müssen Mißtrauen und Spaltung
Diplomatie und konstruktivem Engagement weichen. Gerechtigkeit, Gleichheit und
gegenseitiger Respekt müssen die Grundprinzipien der internationalen Beziehungen
bleiben. Nur durch einen inklusiven Dialog und internationale Zusammenarbeit können
wir eine friedliche, stabile und nachhaltige Weltordnung für künftige Generationen
schaffen.
Vielen Dank.
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