Warum die BRICS für Deutschland überlebenswichtig sind
Von Stephan Ossenkopp
Im Online-Krisenforum des Schiller-Instituts „Der freie Fall der
deutschen Wirtschaft muß gestoppt werden! Deutschland muß vor dem Ausverkauf
gerettet werden!“ am 1. September hielt der Journalist Stephan Ossenkopp den
folgenden Vortrag.
Vielleicht wundern sich einige über den Titel, „Warum die BRICS für
Deutschland überlebenswichtig sind“. Aber: Betrachtet man Deutschlands Interesse
an Stabilität, Sicherheit und Prosperität pragmatisch, dann findet man die
notwendigen Partner dafür wie natürlich bei den BRICS-Staaten. Schaut man sich
die Agenda und die Zukunftsambitionen des BRICS-Bündnisses an, dann geht es um
Dialog auf gleicher Augenhöhe, um gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung und den
Respekt vor anderen Zivilisationen und Modellen, ohne das eigene über andere zu
stellen. Auch Deutschlands Prosperität ist nur über langfristige internationale
Abkommen, Partnerschaften, Kooperationen und Solidarität zu erreichen.
Die Welt hat sich verändert
Die BRICS-Staaten repräsentieren ca. 45% der Weltbevölkerung, 40% des BIP
nach Kaufkraftparität und fast 60% des globalen Wachstums. Die G7-Länder haben
keine monopolartige Dominanz mehr. Die Schwellenländer sind auf dem Vormarsch
und die Welt befindet sich in einem Prozeß der dramatischen Umgestaltung. Die
BRICS sind keine Gefahr für Deutschland, sondern ein unausweichlicher Partner
bei der Schaffung einer multipolaren Ordnung, in der alle Länder und Regionen
ihre Interessen bei Entwicklung und politischer Teilhabe verwirklichen
können.
Die BRICS wollen weder die Errungenschaften der Vereinten Nationen und ihrer
Charta noch multilaterale Organisationen abschaffen, noch einen exklusiven Club
gründen, der sich gegen jemanden richtet. Im Gegenteil, sie sind an der
vollumfänglichen Bewahrung der Prinzipien der UN-Charta interessiert.
Dazu gehört natürlich in erster Linie die faire Beteiligung der Stimmen des
Globalen Südens an der globalen Regierungsführung sowie die Priorisierung von
Industrialisierung, Infrastrukturbau, technologischer Teilhabe und Akzeptanz
ihrer kulturellen und zivilisatorischen Identität.
Deutschland sollte wichtige Schritte unternehmen, um diesen unumkehrbaren
Trend unserer Zeit aufzugreifen. Das bedeutet, die Entwicklungsinteressen der
Staaten des Globalen Südens mit den eigenen Interessen der Aufrechterhaltung
eines Industriestaates, eines Sozialstaates und eines internationalen
Handelspartners zu verknüpfen.
Energie: Ohne Kooperation keine Zukunft
Die BRICS-Staaten sind eine Energiemacht. Das betrifft fossile Brennstoffe
wie Erdgas, Öl und Kohle ebenso wie Systeme mit einer wesentlich höheren
Energieflußdichte, also Kernenergie, sowie Spitzenforschung im Bereich der
Kernfusion.
So ist der russische Konzern Rosatom der größte Anbieter von Kernreaktoren
und baut beispielsweise in Ägypten sechs Reaktoren inklusive einer
Wasserentsalzungsanlage. Auch China, Indien und Südafrika verfügen über enormes
Know-how und im Falle von China über ein sehr effizientes Bauprogramm zur
Errichtung einer großen Anzahl von Kernkraftwerken. Rußland plant, bis Ende des
Jahrhunderts 80% seiner Energie aus Kernenergie zu gewinnen.
Für Deutschland ergibt sich hier eine Perspektive, um aus der gescheiterten
Energiewende auszusteigen. Denn ohne eine grundlastfähige Energieversorgung wird
Deutschland schlicht deindustrialisiert. Nur durch die Partnerschaft mit
nicht-ideologischen und rationalen Volkswirtschaften im Energiesektor, wie den
BRICS-Ländern, gibt es einen Ausweg aus der Misere.
Landwirtschaft und Ernährungssicherheit
Die BRICS-Staaten sind auch eine Macht in den Bereichen Landwirtschaft und
Ernährung. Gemeint sind nicht nur Rußland als weltweit größter Getreideproduzent
und -exporteur oder Brasilien als Agrar-Gigant.
Entscheidend ist, daß die BRICS-Länder eine sogenannte Getreidebörse
aufbauen. Das bedeutet, daß die wichtigsten Rohstoffe, die für die sichere und
langfristige Ernährung von Bevölkerungen notwendig sind, nicht mehr auf von
Spekulanten und profitgierigen Investoren dominierten Märkten und Börsen
gehandelt werden. Stattdessen werden die tatsächlich vorhandenen Erzeugermengen
und der tatsächliche Bedarf in langfristigen Verträgen zu fairen Preisen
ausgehandelt.
Das war früher auch bei uns normal, wurde aber durch den Neoliberalismus und
extremistische Marktphilosophien über Bord geworfen.
Investitionen und Entwicklung
Die BRICS sind auch eine Raumfahrt-Macht. Chinas Chang’e-Programm, um
Helium 3 auf dem Mond für die Kernfusion auf der Erde abzubauen, das
Forschungsdorf auf dem Mond, das China und Rußland als offene Plattform und als
Vorstufe zur Industrialisierung des erdnahen Raums gegründet haben, Indiens
Marsmission – all das gehört dazu.
Weitere Institutionen der BRICS werden für das Überleben Deutschlands von
entscheidender Bedeutung sein. Beispielsweise geht es um den Ausbau einer
Investitionsplattform, die bereits aktiv diskutiert wird und vielleicht sogar in
die Implementierungsphase eintritt.
Der große Mangel im Globalen Süden ist nicht, daß es keine Rohstoffe, kein
auszubildendes Personal oder keinen Willen zur Entwicklung gäbe, sondern daß es
vielfach an den dazugehörigen Finanzmechanismen fehlt. Benötigt werden
langfristige produktive Kredite zu niedrigen Zinsen, die deutlich unter den
realwirtschaftlichen Wachstumsraten liegen.
Dies hat nichts mit aufgenommenen Schulden auf privaten Kapitalmärkten zu
tun, sondern es handelt sich um Verträge über zehn, 20 oder sogar 50 Jahre, die
auch als „geduldiges Kapital“ bezeichnet werden, um in große Infrastruktur- und
Industrialisierungsprogramme zu investieren.
Es liegt im ureigenen Interesse Deutschlands, daß die Industrialisierung und
infrastrukturelle Erschließung Afrikas entscheidende Schritte nach vorne macht.
Das eröffnet der deutschen Wirtschaft nicht nur neue Partnerschaften, sondern
schafft auch einen Ansatz, um die junge Bevölkerung in ihren eigenen Nationen
produktiv zu beschäftigen und ihr eine echte Perspektive für die Zukunft zu
geben.
Das ist die eigentliche Möglichkeit, Schleuserbanden das Geschäft zu
zerstören – nicht Auffanglager, Flüchtlings-NGOs, Frontex-Pushbacks, Zäune und
ähnliche unmenschliche Maßnahmen.
Ein neues Finanzsystem
Die BRICS entwickeln auch ein hochmodernes, vernetztes Zahlungssystem. Damit
zeigen sie, daß man keinen Hegemon im Finanzsystem braucht, keine
Weltleitwährung, keine Zentralbank der Zentralbanken und ähnliches. Hier
verzahnen sich bei den BRICS nationale digitale Zahlungssysteme in Rubel, Yuan,
Rupie usw. für die grenzübergreifende Bezahlung in einer multipolaren
Finanzinfrastruktur.
Deutschlands Erfolg fußt ja nicht auf deregulierten Kapitalmärkten, sondern
auf Ingenieurs- und Maschinenbautechnik. Insofern findet Deutschland sein
ureigenes Interesse wieder, wenn es sich mit der Aufbaudynamik der BRICS-Staaten
und ihren Partnern identifiziert und nicht mit den fiktiven Geldtürmen und
undurchsichtigen Anlagemodellen.
China ist keine Bedrohung, sondern ein Partner
Und es ist gerade Chinas Sonderrolle mit dessen Aufstieg in den letzten zwei
Generationen, die für uns besonders wichtig ist – und die nicht die deutsche
Wirtschaft gefährdet.
China hat die beste Infrastruktur der Welt – und ist noch lange nicht fertig.
Dort fährt der Transrapid, dort fahren modernste Schnellzüge auf ihrem eigenen
System mit 350 km/h. Sie haben 34 Kernkraftwerke im Bau und nochmals deutlich
mehr in Planung. Sie entwickeln mehrere künstliche Sonnen, also Fusions- und
Plasmaforschungszentren, zur Netzreife. Sie haben den gasgekühlten
Hochtemperaturreaktor gebaut. Die Strompreise sind bezahlbar und die
Lieferketten sind effizient. Sie verfügen über strategische Reserven bei Erdgas
und Erdöl und über technische Verfahren, um sämtliche Rohstoffe, einschließlich
seltener Erden, bis zu den höchsten Reinheitsgraden zu verarbeiten.
Kooperation statt Konfrontation
Ich will es ganz deutlich sagen: Sollten wir eine echte Wirtschaftsrivalität
mit China aufbauen, hätten wir 0,0 Chancen zu gewinnen. Weder durch Importzölle,
noch durch De-Risking. Letzteres wird sowieso niemand tun, der bei Verstand ist.
Sich vom wichtigsten Produktions- und Innovationsmotor unserer Zeit abzukoppeln
und darauf zu hoffen, daß das schon irgendwie gut gehen wird, ist Harakiri.
Deswegen ist es das Gebot der Stunde, Synergieeffekte mit China zu suchen.
Das bedeutet, die Bereiche, in denen Deutschland noch stark ist und einen guten
Ruf besitzt, zu erhalten. Und in den Bereichen, in denen Deutschland
offensichtlich zurückgefallen ist, durch Kooperation aufzuholen. Zudem müssen
wir die Maßgabe des gegenseitigen Lernens und der Technologiepartnerschaft
akzeptieren.
Deutschland vor einer historischen Entscheidung
Die BRICS-Staaten sind letztlich der Ausdruck dafür, daß die
jahrhundertelange Dominanz europäischer und anglo-amerikanischer Mächte vorbei
ist und nicht mehr akzeptiert wird. Sollte der Westen seine Hegemonie mit der
Androhung des Einsatzes taktischer Nuklearwaffen oder den umfassendsten
Sanktionen aller Zeiten gegenüber diesen Veränderungen aufrechterhalten wollen,
wird die Zerstörung höchstens so weit ausufern, daß am Ende ein großes
Fragezeichen hinter der weiteren Existenz der gesamten Menschheit steht. Den
Status quo werden sie jedoch nicht erzwingen können.
Deshalb ist es vernünftig, jetzt Kontaktbereitschaft zu zeigen, Verhandlungen
vorzubereiten und Foren anzubieten, damit Deutschland nicht die gesamte Substanz
und die verbliebenen Reste seines Ansehens verspielt – und stattdessen mit den
BRICS-Ländern produktiv kooperiert.
Das ist keine unerfüllbare Vision. Es ist das Recht aller Menschen, in
Wohlstand und in Selbstverwirklichung zu leben. Unabhängig davon, welcher
Religion, welchem Sozialsystem oder welchem politischen Modell ich angehöre.
Ja, wir hierzulande haben uns eine gewisse Arroganz und Überheblichkeit
antrainiert, die uns im Weg steht. Leider finden sich solche Personen oft in
einflußreichen Ämtern wieder.
Bei jeder kommenden Wahl oder politischen Entscheidung sollte ab jetzt der
Maßstab sein, ob sich jemand dem gescheiterten Modell weiter verpflichtet fühlt
oder den neuen Weg einschlägt, der für Deutschland überlebenswichtig ist:
nämlich als gleichrangiges Mitglied in eine neue, faire, multipolare Welt
einzutreten.
Ich bin mir sicher, daß eine solche Paradigmenänderung überall in der Welt
mit Respekt aufgenommen werden würde. Unser Weg ist also nicht automatisch
versperrt, sondern bedarf eines beherzten Eingriffs oder der Anstrengung jedes
Bürgers. Wenn das Momentum einer Veränderung erst einmal sichtbar ist, haben wir
eigentlich schon das wichtigste erreicht.
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