Die NATO-Mächte ignorieren Rußlands Warnungen
Von Dr. Theodore Postol
Dr. Theodore Postol ist emeritierter Professor für Wissenschaft,
Technologie und nationale Sicherheit am MIT. In der Berliner Konferenz des
Schiller-Instituts am 30. Mai sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem
Englischen.)
Ich möchte gleich zu Beginn darauf hinweisen, daß ich für diese Art von
Diskussion in einzigartiger Weise ungeeignet bin. Ich bin ausgebildeter
Wissenschaftler und Ingenieur, und ich muß sagen, daß ich in den letzten Jahren
einiges über die Politik der aktuellen Weltlage gelernt habe. Und so werde ich
ungewöhnlicherweise einige Anmerkungen zur Frage der Souveränität machen, eine
Mischung aus Beobachtungen, die sowohl aus einem wissenschaftlichen und
technischen Hintergrund stammen, als auch sozialen und politischen Charakter
haben.
Ich war beeindruckt von Herrn Cheminades Beschreibung des kriminellen
Kapitalismus, der vom Westen praktiziert wurde. Ich muß sagen, auch wenn ich es
anders formuliert hätte, vermittelt seine Darstellung im wesentlichen eine sehr
klare Botschaft der Wahrheit. Ich denke also, es ist wichtig, daß wir das alle
im Hinterkopf behalten.
Auch die Ausführungen von Oberstleutnant Bosshard über die Europäische Union
und ihren Einfluß auf die allgemeine politische Aktivität und Ausrichtung
Europas erschienen mir äußerst zutreffend und von großer Bedeutung.
Wir sprechen hier über Souveränität. Ich verstehe, daß die Europäische Union
eine integrative Rolle in der europäischen Politik spielen sollte, aber ich muß
sagen, sie hat eine enorme Menge an inkohärenten und kontraproduktiven Maßnahmen
hervorgebracht, die sie den Nationalstaaten aufzuzwingen versucht. Insbesondere
die Ausführungen von Dr. Schöttle zur Energiesituation in Deutschland waren
fachlich sehr umfassend und äußerst wichtig und verdienen große Beachtung.
Ich habe zu Dr. Schöttles Vortrag einige Anmerkungen. Nicht als Kritik,
sondern als Ergänzung zu dem, was er angesprochen hat, nämlich den
hochpolitischen Charakter der Entscheidungsfindung, und das nicht nur in
Deutschland, sondern in Europa allgemein – dort, wo die Rolle von Technologie
und Wissenschaft so weit minimiert wurde, daß es schwer zu erkennen ist,
inwiefern die Politik überhaupt noch mit den realen Gegebenheiten zusammenhängt,
die bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen sind.
Wie Dr. Schöttle beispielsweise angesprochen hat, gibt es große Bedenken
hinsichtlich der Auswirkungen von Kohlendioxid auf das globale Klima, also im
Grunde genommen die Frage der Treibhausgase. Wenn man nun die wissenschaftliche
Literatur durchsehen würde – und wenn ich von wissenschaftlicher Literatur
spreche, meine ich Hunderte von begutachteten wissenschaftlichen Artikeln über
die Natur des Klimawandels und wie er sich nicht nur über Jahrtausende, sondern
über Hunderttausende und Millionen von Jahren manifestiert hat –, dann kämen wir
zu einer Erklärung, die sicherlich Kohlendioxid einbezieht, aber auch andere
sehr wichtige Effekte, die derzeit einfach nicht diskutiert und berücksichtigt
werden.
Lassen Sie mich also konkret werden. Wir wissen zum Beispiel, daß sich der
Abstand zwischen Erde und Sonne über einen Zeitraum von 2000 Jahren um etwa 600
000 Kilometer verändert. Das ist nicht die einzige wichtige Bahnänderung, aber
ich beziehe mich hier konkret auf die kurzen Zeiträume von Jahrtausenden in dem,
was wir das aktuelle Holozän nennen, also eine etwa 11.000 Jahre andauernde
Warmzeit. Vor dem Holozän hatten wir eine Eiszeit. Vor nur 11.000 Jahren hat
sich die Erde also plötzlich erwärmt. Und während dieses Zeitraums hat man eine
Schwankung der Temperatur beobachtet, mal höher, mal niedriger, bedingt durch
einen 2000-Jahre-Zyklus, in dem die Erde der Sonne mal etwas näher und mal etwas
weiter entfernt ist. Derzeit befinden wir uns in einer Erwärmungsphase. Diese
Erwärmungsphase dürfte bis zum Jahr 2600 andauern, wenn die Erde der Sonne näher
sein wird als heute, danach wird sie sich wieder von der Sonne entfernen. Der
Abstand wird zunehmen und die Erde wird etwas kühler werden. Eine
„Kohlendioxid-Klimakatastrophe“ spielt keine Rolle. Kohlendioxid spielt zwar
eine Rolle, aber es ist nicht so, daß alle wissenschaftlichen Beweise auf eine
Kohlendioxid-Katastrophe hindeuten.
Wir beobachten Veränderungen der globalen Temperatur. Das muß man anerkennen
und verstehen, aber es ist nicht einfach auf eine Kohlendioxid-Katastrophe
zurückzuführen. Wir beobachten auch Veränderungen des globalen Klimas aufgrund
der Sonnenfleckenaktivität auf der Sonne.
Nun könnten Sie sagen, daß das eine sehr abstrakte Reihe von Themen ist, die
ich hier anspreche, aber wenn man davon ausgeht, daß alle diese
Temperaturveränderungen auf Kohlendioxid zurückzuführen sind, und wir unsere
Politik in Bezug auf Energieplanung und Klimaschutz so verzerren, daß wir uns
nur auf Kohlendioxid konzentrieren, obwohl es diese anderen Phänomene gibt, die
tatsächlich genauso wichtig oder sogar wichtiger sind als das Kohlendioxid, dann
vermasseln wir unsere Energieplanung und unsere Energiepolitik genau so, wie es
Dr. Schöttle kritisiert hat.
Ich bin nicht hier, um eine lange Abhandlung über diese Phänomene zu halten,
das ist in einem anderen Forum besser aufgehoben. Aber ich will darauf
hinweisen, daß es an Berücksichtigung und Aufmerksamkeit für die
Grundlagenforschung fehlt, was zu einer Politikgestaltung führt, die sich auf
ein einzelnes Phänomen konzentriert, das zwar real ist, aber nicht unbedingt so
dominant wie andere Phänomene, von denen wir wissenschaftlich wissen, daß sie
wichtig sind. Und dadurch vermasseln wir unsere nationale Energieplanung für die
Zukunft.
Man muß Rußland ernst nehmen
Nun erstreckt sich die politische Dimension davon insbesondere auch auf die
Wirtschaft. So versucht beispielsweise die Europäische Union mit aller Kraft,
Deutschland davon abzuhalten, die Nord-Stream-Pipeline mit Rußland wieder in
Betrieb zu nehmen. Die Argumentation konzentriert sich dabei auf diejenigen, die
behaupten, das dürfe nicht passieren, und fast ausschließlich auf die Tatsache,
daß Rußland von den Handelsbeziehungen mit Deutschland profitieren könnte, indem
es Erdgas an Deutschland verkauft.
Was in dieser Debatte – wenn man es überhaupt als Debatte bezeichnen will –
völlig fehlt, ist die Tatsache, daß Deutschland enorm von der Verfügbarkeit
dieses Erdgases profitiert. Der Gedanke, daß Deutschland sich tatsächlich selbst
mehr schadet als Rußland, fehlt völlig.
Es gibt keine Analyse der Tatsache, daß eine Handelsbeziehung mit Rußland
nicht nur Rußland, sondern auch Westeuropa zugutekommt. Und ich sage jetzt
Westeuropa, weil die deutsche Wirtschaft derzeit in einer verzweifelten Lage ist
und schwer geschädigt wird, mit einer Deindustrialisierung in großem Maßstab,
und das wirkt sich auf die Volkswirtschaften Frankreichs und Großbritanniens
sowie des restlichen Westeuropas aus. Und all dies gründet auf Ideologie und
wird davon beherrscht, daß sowohl die Fakten der Wirtschaft als auch die der
Wissenschaft und Technik ignoriert werden.
Und Dr. Schöttles Ausführungen sind sehr wichtig, weil sie sich mit Technik
und Wissenschaft befassen. Aber das ist nicht der einzige Aspekt. Das ist keine
Kritik an Dr. Schöttle, lediglich ein Kommentar zu den weitreichenden Problemen
der Souveränität, die durch das derzeitige Verhalten der Europäischen Union und
ihre Dominanz bei der Entscheidungsfindung untergraben werden, wodurch den
Ländern Europas ihre fundierten souveränen Entscheidungen entzogen werden. Auch
wenn ich das nicht fundiert diskutieren kann, scheint mir das ein riesiges
Problem zu sein, mit dem Europa sich auseinandersetzen muß.
Nun zu meinem letzten Punkt – alle diese Punkte sind viel weniger
weitreichend als die früheren Diskussionen, und ich behaupte wiederum nicht, ein
Experte zu sein: Wir bewegen uns derzeit in eine Phase, in der die Gefahr einer
Eskalation zu einem größeren Krieg besteht, über den ohnehin schon
außerordentlich schädlichen Krieg in der Ukraine hinaus.
Das Problem ist, daß die NATO den Krieg gegen Rußland ausweitet, indem sie
den NATO-Ländern erlaubt, in diesem Ukraine-Krieg als Mitkriegführende gegen
Rußland aufzutreten. So gestatten beispielsweise die baltischen Staaten nun die
Nutzung ihres Luftraums für Drohnenangriffe gegen Rußland. Rußland hat sehr
deutlich gemacht, daß es diese Situation nicht länger tolerieren wird. Die NATO,
die Europäische Union und die westeuropäischen Länder müssen erkennen, daß sie
nun Mitbeteiligte an diesem Ukraine-Krieg sind. Und sobald man direkter
Beteiligter ist, wirft das für Rußland die Frage auf, ob es gegen die
mitkriegführenden Staaten, die an Angriffen auf Rußland beteiligt sind,
zurückschlagen soll.
Rußland hat sehr deutlich gemacht, daß es versucht hat, die Möglichkeit einer
außer Kontrolle geratenen Ausweitung dieses Krieges zu begrenzen, die
möglicherweise zu einer Eskalation hin zu Atomwaffen und globaler Zerstörung
führen könnte. Das wurde von den Russen wiederholt sehr deutlich zum Ausdruck
gebracht. Doch anstatt diese Diskussion ernst zu nehmen, haben die NATO-Mächte
Rußlands Warnungen – da ihnen keine Vergeltungsmaßnahmen gegen die NATO-Staaten
folgten – als leere Drohungen interpretiert. Anstatt anzuerkennen, daß es sich
um eine Warnung handelt, die wirklich ernst genommen werden muß, ignorieren
diese Staaten die ernsthaften Eskalationsdrohungen, die Rußland derzeit
ausspricht.
Und ich bin sehr besorgt, wenn die NATO-Staaten diese Warnungen weiterhin
ignorieren, daß Rußland die Schritte unternehmen wird, die es für notwendig
hält, um der NATO zu zeigen, daß das ernst gemeint ist und daß die NATO völlig
mißversteht, was die Russen ganz offen und frei gesagt haben. Ich fürchte, wir
werden Angriffe auf NATO-Mächte erleben, wahrscheinlich zuerst auf die
baltischen Staaten, aber ich kann nicht sagen, wie das passieren wird. Und das
wird eine ernsthafte Gefahr einer allgemeinen Eskalation dieses Ukraine-Krieges
zu einem umfassenden Weltkrieg darstellen. Das ist etwas, das wir nicht zulassen
dürfen. Die NATO-Staaten müssen – als einzelne Mächte und als Mitglieder der
NATO – aufwachen und begreifen, daß sie eine höchst gefährliche
Eskalationsmöglichkeit provozieren, indem sie die von Rußland geäußerten
Bedenken einfach ignorieren.
Und damit werde ich schließen, denn ich denke, die Botschaft sollte an dieser
Stelle sehr klar sein. Vielen Dank.
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