Was treibt so manche einflußreiche Persönlichkeit
zur Anpassung an „große Mächte“ oder „Mächtige“?
Zeitgenossen fragen, Friedrich Schiller antwortet
Von Silvia Nogradi
Der folgende Aufsatz erschien im Vorfeld der Abstimmung über die
Neutralitätsinitiative für eine Stärkung des Neutralitätsgebots in der
Verfassung der Schweiz in der schweizerischen Zeitschrift „Zeit-Fragen“, Ausgabe
20/21 vom 29. September 2026. Wir drucken ihn mit freundlicher Genehmigung der
Autorin ab.
Manchmal hat man den Eindruck, als ob ein vermeintlich angestaubter Klassiker
gerade für die Gegenwart geschrieben worden sei. So erging es mir vor kurzem,
als ich in Schillers Wilhelm Tell einige weniger bekannte Passagen wieder
las, die mit verblüffendem psychologischen Scharfblick zeigen, welche – durchaus
nachvollziehbaren – Motive zu Anpassung und Unterwerfung unter eine dominierende
politische Macht führen können.
In Wilhelm Tell (1805) stellt Schiller zwei Grundhaltungen im
Umgang mit einer nach Dominanz strebenden Großmacht, in diesem Fall den
Habsburgern, gegenüber: die würdevolle, gleichzeitig bescheidene und
selbstbewußte Haltung des alten Freiherrn von Attinghausen einerseits und
die anpassungsbereite, unterwürfige seines nach (internationaler) Bedeutung
strebenden Neffen Ulrich von Rudenz. Dieser glaubt, sich der Übermacht der
Habsburger unterwerfen zu müssen, während Attinghausen die Unabhängigkeit und
Würde des eigenständigen Volkes betont. Es sei dem Nachdenken des Lesers
überlassen, welche Großmacht inzwischen an die Stelle der Habsburger getreten
ist.
Schiller legt in diesem Drama dem Freiherrn von Attinghausen und seinem
Neffen Rudenz die Motive für Rudenz’ Bereitschaft zur Anpassung an die scheinbar
überlegene, ihm imponierende Macht der Habsburger in den Mund.
Rudenz fühlt sich fremd in der ländlichen Heimat, worauf sein Onkel
erwidert:
Ja, leider bist du’s. Leider ist die Heimat
zur Fremde dir geworden! – Uli! Uli!
Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du,
die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau
und schlägst den Purpurmantel um die Schulter,
den Landmann blickst du mit Verachtung an
und schämst dich seiner traulichen Begrüßung.“
(2. Akt, Vers 778-788)
Daß Rudenz sich von seinen Wurzeln im Volk distanziert, auf das er eher
hochmütig hinabschaut, und sich auf die Einflußreichen, vermeintlich Überlegenen
und Tonangebenden (heute würde man wohl vom Mainstream sprechen) ausgerichtet
hat, macht ihn zum wankelmütigen Spielball der bewunderten Großmacht, was sein
Onkel deutlich sieht.
Während Attinghausen zunächst auf die tyrannische Gewalt hinweist, bei der
sein Neffe „um die Fürstengunst buhlt“ (V. 794), hält Rudenz alle
Schwierigkeiten einzig für die Folge mangelnden Gehorsams gegenüber der
vermeintlich überlegenen Macht und für den Ausdruck fehlenden gesellschaftlichen
Ehrgeizes, fehlenden Strebens, bei den Vertretern dieser Macht mitspielen zu
dürfen:
Habt Ihr nicht höhern Stolz, als hier
Landammann oder Bannerherr zu sein
und neben diesen Hirten zu regieren?
Wie? Ist’s nicht eine rühmlichere Wahl,
zu huldigen dem königlichen Herrn,
sich an sein glänzend Lager anzuschließen,
als Eurer eignen Knechte Pair zu sein
und zu Gericht zu sitzen mit dem Bauer?
(Vers 812-819)
Rudenz will überregionale Bedeutung, will bei den (internationalen) Gremien,
in den Hierarchien oben dabei sein. Die Gleichheit unter seinen Leuten, die er
als Provinzialität abtut, befriedigt sein Geltungsstreben nicht. Ihm fehlt die
größere Bedeutung innerhalb oder an der Spitze hierarchischer Strukturen.
Attinghausen weiß genau, was den jungen Rudenz so beeindruckt:
Ach, Uli! Uli! ich erkenne sie,
die Stimme der Verführung! Sie ergriff
Dein offnes Ohr, sie hat dein Herz vergiftet.
(Vers 820-822)
Und Rudenz bestätigt, was ihn dazu antreibt, sich von seinem Land und seinen
Leuten zu distanzieren und sie so zu verraten:
Ja, ich verberg es nicht – in tiefer Seele
schmerzt mich der Spott der Fremdlinge,
uns den Bauernadel schelten – nicht ertrag ich’s,
indes die edle Jugend ringsumher
sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen,
auf meinem Erb hier müßig stillzuliegen
und bei gemeinem Tagwerk den Lenz
des Lebens zu verlieren – Anderswo
geschehen Taten, eine Welt des Ruhms
bewegt sich jenseits dieser Berge –
mir rosten in der Halle Helm und Schild,
der Kriegstrommete mutiges Getön,
der Heroldsruf, der zum Turniere ladet,
er dringt in diese Täler nicht herein,
nichts als den Kuhreihn und der Herdeglocken
einförmiges Geläut vernehm ich hier.
(Vers 824-838)
„Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, aber allfällige Parallelen zur Gegenwart
drängen sich auf. Die Welt des Ruhms und der internationalen Anerkennung hat
nichts von ihrer Verführung für nach Bedeutung strebende, ehrgeizige Charaktere
verloren. Allerdings: Wer von den heutigen einflußreichen (Schweizer) Politikern
würde wohl so offen sprechen, wenn er oder sie überhaupt bereit und fähig wäre,
ihre eigentlichen Motive zu reflektieren?
Messerscharf fällt im Anschluß an Rudenz’ Geständnis Attinghausens Replik
aus.
Verblendeter, vom eitlen Glanz verführt!
Verachte dein Geburtsland! Schäme dich
der uralt frommen Sitten deiner Väter!
(Vers 839-841)
Auch hier kann man nicht umhin, an die gegenwärtig grassierende Haltung
unserer elitären Blasen zu denken, die sich von den Leistungen der Schweiz und
des Schweizervolkes und seiner Regierungen in den beiden Weltkriegen so leicht
distanziert haben. Auch an sie könnte sich Attinghausen wenden, wenn er
sagt:
Geh hin, verkaufe deine freie Seele,
nimm Land und Lehen, werd ein Fürstenknecht,
da du ein Selbstherr sein kannst und ein Fürst
auf deinem eignen Erb und freien Boden.
Ach, Uli! Uli! Bleibe bei den Deinen!
(Vers 854858)
Aber Rudenz ist überzeugt, daß nur Anpassung der Situation entspricht. Das
Beharren auf dem eigenständigen Weg seiner Vorfahren hält er für sture
Unbelehrbarkeit:
Vergebens widerstreben wir dem König,
die Welt gehört ihm; wollen wir allein
uns eigensinnig steifen und verstocken,
die Länderkette ihm zu unterbrechen,
die er gewaltig rings um uns gezogen?
Sein sind die Märkte, die Gerichte, Sein
die großen Kaufmannsstraßen, und das Saumroß selbst,
das auf dem Gotthard ziehet, muß ihm zollen.
Von seinen Ländern wie mit einem Netz
sind wir umgarnet rings und eingeschlossen.
[…] Nein, Oheim! Wohltat ist’s und weise Vorsicht,
in diesen schweren Zeiten der Parteiung
sich anzuschließen an ein mächtig Haupt.
(Vers 869-889)
Wenn das nicht Argumente sind, die man in aktuellen Debatten
in ähnlicher, aktualisierter Form zu hören bekommt…
Dieser resignativen Haltung setzt Attinghausen sein entschlossenes „Lern
dieses Volk der Hirten kennen, Knabe!“ (Vers 909) entgegen. Er kennt die
Kräfte und Möglichkeiten des Volkes, deshalb ist für ihn eine eigenständige,
selbstbewußte und würdige Haltung keine Frage.
Ehrgeiz, Eitelkeit, Geltungsstreben, der Wunsch bei denen „da oben“
dazuzugehören oder zumindest anerkannt zu werden, auch im Orchester der
Mächtigen mitspielen zu dürfen, all das treibt Rudenz zu seinem Wunsch, unter
das vermeintlich schützende Dach der habsburgischen Macht zu kriechen. Die Angst
vor Spott, die Befürchtung als bäurisch, hinterwäldlerisch, stur und
ewig-gestrig verachtet zu werden, stellt eine entscheidende Triebkraft für sein
gesamtes Verhalten dar.
In Rudenz’ Anpassungsbereitschaft – man könnte an seine Stelle auch Namen von
lebenden Personen setzen – kommt die Unterschätzung der eigenen Möglichkeiten
zum Ausdruck, aber vor allem auch die Unterschätzung der Gefahren, die immer von
einer Großmacht ausgehen, da diese danach strebt, ihre Macht zu erhalten bzw.
möglichst zu erweitern. Diese Unkenntnis und die Unterschätzung, ja sogar
Mißachtung des „einfachen Volkes“ führen zu einer im Grunde tief resignativen
Haltung, die nur die Unterwerfung kennt. Daß es ein würdevolles Selbstbewußtsein
braucht, so wie Attinghausen es verkörpert, und daß sich ein bedrängtes Volk
sehr wohl aufrichten kann, wird er erst später erfahren.
Gleichzeitig geht Rudenz von der folgenschweren Fehleinschätzung aus, daß ein
kleines Land sich in schwierigen Zeiten an die Großmacht anschließen müsse, um
seine Sicherheit zu gewährleisten. Daß genau das Gegenteil der Fall ist, haben
die europäischen Kriege des letzten Jahrhunderts bewiesen. Dies sollte uns
Heutigen eine Warnung sein!
Rudenz verfällt (wie viele seiner aktuellen Stellvertreter) gängigen
Irrtümern, er ist aber nicht einfach ein skrupelloser Ehrgeizling. Er ist jung,
aktiv und politisch unerfahren; es soll eben schnell vorwärtsgehen. Die Ruhe des
alten Attinghausen, der sich nicht antreiben läßt, sondern zuerst in
gleichwertiger Runde „den Frühtrunk mit meinen Knechten teilen“ (Vers
753) will, stört Rudenz bei seinem blinden Vorwärtsstürmen. Denn der „fremde
Zauber reißt die Jugend fort“, (Vers 967) weiß der erfahrene
Attinghausen.
Neben jugendlicher Unternehmungslust und Geltungsstreben ist es aber vor
allem eine große Fehleinschätzung, die Rudenz leitet: Daß er, geblendet von
monarchischem Imponiergehabe und abgetrennt vom eigenen Herkommen, die Situation
der Schweizer völlig falsch einschätzt, führt ihn in die Irre.
Schauen wir auf unsere aktuelle Situation, so war die Herrschaft der
Habsburger ein harmloses Vorspiel, verglichen mit der politisch und militärisch
um die Aufrechterhaltung ihrer Dominanz kämpfenden Großmacht „ennet dem großen
Teich“ und ihrer europäischen Vasallen. Aber die Worte des sterbenden
Attinghausen, der einige Zeit später von Rudenz’ Umdenken erfahren hat, geben
auf längere Sicht hin durchaus Hoffnung.
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
und neues Leben blüht aus den Ruinen.
(Vers 2424 f)
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