Der Aufbau einer gewinnbringenden multipolaren Weltordnung
Von Prof. Zhang Weiwei
Prof. Zhang Weiwei ist Direktor des China-Instituts der
Fudan-Universität in Shanghai. Im ersten Abschnitt der Berliner Konferenz des
Schiller-Instituts am 30. Mai sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem
Englischen, Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.)
Vielen Dank, Helga [Zepp-LaRouche], für Ihre aufschlußreiche Rede. Ich
befasse mich heute mit dem Thema „Der Aufbau einer multipolaren Weltordnung zum
gegenseitigen Nutzen“. Als Wissenschaftler, der sich mit dem chinesischen
Entwicklungsmodell befaßt, möchte ich darauf hinweisen, daß eines der Merkmale
dieses Modells sein experimenteller Charakter ist: Bevor wir größere Vorhaben in
Angriff nehmen, führen wir immer Pilotprojekte durch.
So möchte ich als Beispiel die Partnerschaft zwischen China und der
Organisation für Südostasien, ASEAN, heranziehen. Kann die Partnerschaft
zwischen China und ASEAN den Weg für eine künftige multipolare Weltordnung
ebnen? Wie Sie wissen, leben wir heute in einer Welt voller Unordnung – in
vielerlei Hinsicht im Chaos. Und ich erinnere mich, daß das Thema der Münchner
Sicherheitskonferenz 2024 „Lose-Lose“ – „alle verlieren“ – lautete, was die
derzeitige mißliche Lage Europas widerspiegelt.
Der Ukraine-Konflikt hat verschiedene Krisen auf dem gesamten Kontinent
ausgelöst: wachsende Inflation, Flüchtlingsströme, Energieunsicherheit,
wirtschaftliche Rezession und Stagnation und, was am grundlegendsten ist, der
Verlust des Friedens. Doch in auffälligem Kontrast dazu hat die
China-ASEAN-Region, in der über zwei Milliarden Menschen leben – etwa dreimal so
viele wie in Europa –, rund fünf Jahrzehnte von beispiellosem Frieden,
beispielloser Entwicklung und beispiellosem Wohlstand erlebt.
Ich werde daher versuchen, Ihnen aus meiner Sicht darzulegen, wie sich dieser
Erfolg Asiens erklären läßt, sowie aus chinesischer Sicht, wo oder warum Europa
den falschen Weg eingeschlagen hat. Ich werde auch erörtern, inwieweit die
Partnerschaft zwischen China und den ASEAN-Staaten vielleicht als Leitfaden für
eine Win-Win-Weltordnung – „alle gewinnen“ – in den kommenden Jahren dienen
kann.
Die Chinesen diskutieren gerne über alles. Wir konzentrieren uns auf die
Grundlagen; wir müssen die Grundlagen richtig hinbekommen, und die Grundlage
aller Grundlagen ist immer die Entwicklung. Aber aus irgendeinem Grund wird
dieses Wort im Westen selten verwendet, ganz besonders in Bezug auf den Westen
selbst. Dabei halte ich es für notwendig, die Entwicklung zu betonen, das ist
wesentlich, weil in der chinesischen Philosophie der Lebensunterhalt der
Menschen äußerst wichtig ist. Was auch immer man tut – politisch,
wirtschaftlich, sozial –, es muß letztendlich etwas Greifbares für das Leben der
Menschen bewirken, sei es in materieller oder in immaterieller Hinsicht.
Glücklicherweise stellen ASEAN und China dies an erste Stelle.
Die drei Säulen
Dazu werde ich die „drei plus eins Säulen“ beschreiben. Die „drei Säulen“
sind: eine für Entwicklung, eine für politische und sicherheitspolitische Fragen
und die dritte Säule für den kulturellen und zivilisatorischen Dialog. Und das
„eine“ ist der chinesische Faktor, der in der Region eine große Macht bildet.
Und ich werde versuchen, auch die EU im Vergleich zu den Vereinigten Staaten zu
betrachten.
Was nun diese erste Säule betrifft, die Säule der Entwicklung, räumt die
China-ASEAN-Region der Entwicklung als grundlegende Voraussetzung für Frieden
und Wohlstand Priorität ein. Das ist wichtig: die Voraussetzung für Frieden und
Entwicklung. Diese strategische Haltung ist ganz anders als der ideologische
Entwicklungsansatz der EU, der für die EU auf einem absoluten, universellen Wert
basiert, auf den sie dringt. Aus unserer chinesisch-asiatischen Sicht ist das
lächerlich, weil verschiedene Zivilisationen jeweils ihre eigenen Werte haben.
Wir sollten einander respektieren. Wir raten zur Mäßigung.
Wenn die EU Belehrungen haben will, dann werden wir zurückbelehren,
vorausgesetzt, diese EU-Belehrung ist ehrlich. Sie haben so viele Fehler und
Fehltritte gemacht, die zu der heutigen mißlichen Lage Europas geführt haben.
Als Freunde Europas tun uns Europa und Deutschland wirklich leid. Wie können Sie
Ihrem eigenen Land, Ihren eigenen Volkswirtschaften so viel Schaden zufügen? Es
ist unglaublich! Doch genau das ist passiert.
Asien, diese Region, bildet nun das Zentrum des Wirtschaftswachstums. Asien,
China plus ASEAN, macht fast 40% des globalen Wachstums aus. China allein macht
mehr als 30%, und ASEAN 5-6% des Wachstums der Weltwirtschaft aus – jedes Jahr,
über viele Jahre hinweg. Das ist äußerst wichtig.
Ein Beispiel ist der Iran-Krieg: Als er ausbrach, war das eine Tragödie und
eine globale Energiekrise. Dennoch gelingt es China, seine Energieversorgung
stabil zu halten. Dank dieser sorgfältig geplanten, entwicklungsorientierten
Energiestrategie für nachhaltige Entwicklung, die seit 20 Jahren, wenn nicht
sogar länger, verfolgt wird, beträgt Chinas Abhängigkeit von externen
Energiequellen nur 15%, und 85% sind im Inland unter Kontrolle. Kein Problem.
Das hat natürlich auch mit erneuerbaren Energien zu tun. China ist heute der
größte Produzent und Exporteur von erneuerbaren Energien und der dazugehörigen
Ausrüstung.
Aber ich weiß nicht, was los ist, Deutschland tut mir leid. Warum habt ihr
euch selbst ruiniert und Kohlekraftwerke abgerissen? Man kann das doch auf
sauberere Weise tun! China tut es, und natürlich setzt es auf erneuerbare
Energien. Die Folge ist, daß die Europäer, die ja zu den ersten gehörten, die
von einer „grünen Wende“ sprachen, heute immer noch über eine grüne Wende reden.
Aber in China ist sie vollzogen. Mit etwa vier Fünfjahresplänen hat China eine
grüne Wende geschafft.
Die zweite Säule ist die politische und sicherheitspolitische Säule. ASEAN
hat einen ganz eigenen Ansatz etabliert: das ist das Prinzip der Neutralität und
Zentralität der ASEAN. Wenn die EU es nur geschafft hätte, eine solche Politik
zu verfolgen – sich nicht zwischen den Großmächten zu entscheiden!
China als Regionalmacht unterstützt dieses Prinzip nachdrücklich. Wir
respektieren die Neutralität und Zentralität der ASEAN. ASEAN sitzt am Steuer.
ASEAN hat sich selbst zur atomwaffenfreien Zone erklärt. China ist das erste
Land, das dies anerkennt.
Außerdem hat ASEAN klugerweise eine Reihe interessanter Initiativen ins Leben
gerufen, wie „ASEAN plus eins“, „ASEAN plus zwei“, „ASEAN plus drei“, „ASEAN
plus zehn“, mit China, Rußland, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern.
Regelmäßige Verhandlungen – eine Plattform für regionale Mächte und darüber
hinaus, um miteinander zu verhandeln und zu sprechen.
Das ist ganz anders als die heutige Weltsicht der NATO oder der EU. Die
lautet, wie Sie wissen, mehr oder weniger so: Amerika drinnen halten,
Deutschland klein halten, die Russen draußen halten.
Aus unserer Sicht in Asien, China, der ASEAN, ist so etwas unvorstellbar. Wir
beziehen alle mit ein! Es muß inklusiv sein. Rußland ist Europas Nachbar. Es ist
Teil des europäischen Kontinents. Es wird immer da sein, die nächsten 500 Jahre,
tausend Jahre und länger. Deshalb braucht man einen Rahmen, um die allgemeine
Sicherheit zu gewährleisten. Das tun wir: Inklusivität.
Die dritte Säule ist die kulturelle und zivilisatorische, die sehr wichtig
ist und die philosophische Grundlage für die Zukunftsgemeinschaft von China und
ASEAN bildet. Wir haben das in Rechtsdokumenten offen angesprochen: eine
gemeinsame Zukunft für China und die ASEAN. Und in diesem Rahmen betonen wir
das, was man die „asiatische Weisheit“ nennt, die Weisheit der ASEAN und Chinas.
Wir besinnen uns auf unsere Traditionen, wie strategische Geduld und das
Aushandeln von Lösungen für Streitigkeiten durch informelle Diplomatie.
China und ASEAN stimmen selten ab, wenn überhaupt. Wenn es einen schwierigen
Punkt gibt, organisieren wir eine Gruppe namhafter Persönlichkeiten, die dann in
einem separaten Raum eine oder zwei Gesprächsrunden abhalten. Letztendlich läßt
sich immer eine Lösung finden, wenn alle Seiten die Bereitschaft dazu zeigen.
Und was sehr wichtig ist: „zwei Schritte vorwärts und einen Schritt zurück“ –
das ist nicht schlimm, solange man Fortschritte macht.
Außerdem vertreten wir natürlich die Fünf Prinzipien der friedlichen
Koexistenz, ein äußerst wichtiges Erbe der Bandung-Konferenz von 1955.
Dazu erinnere ich mich, daß ich 2011, als der Arabische Frühling ausbrach,
eine Debatte mit Professor Fukuyama führte, dem Autor von Das Ende der
Geschichte. Er sagte, der Arabische Frühling könnte auch in China
ausbrechen. Ich antwortete: „Keine Chance. Der Arabische Frühling wird bald zum
Arabischen Winter werden“, weil ich diese Region kenne. Er hat mir nicht
geglaubt.
Am Ende wurde es der Arabische Winter. Und im Laufe des Jahres 2011 reiste
ich mindestens zweimal nach Brüssel. Wir diskutierten mit der Denkfabrik dort.
Ich sagte, dieser Arabische Frühling wird zum Winter werden, er wird Europa eine
Katastrophe bringen. Wenn man sich den Ursprung der heutigen Krisen in Europa
ansieht, so rühren viele von dieser Flüchtlingskrise her, die aus dem Scheitern
des Arabischen Frühlings resultierte: dem Arabischen Winter – eine zerbrochene
Heimat, aus der die Menschen fliehen müssen.
Gürtel und Straße ist offen für alle
Laßt uns also gemeinsam etwas tun, China und Europa, mit der
Belt-and-Road-Initiative. Sie ist sehr offen. Sie steht jedem Land, jeder Nation
der Welt offen. Wir helfen Afrika bei der Entwicklung, um dort Arbeitsplätze zu
schaffen. China hilft Afrika beim Aufbau eines eigenen regionalen Verkehrsnetzes
aus Straßen, Autobahnen, Eisenbahnen und Fluglinien usw.
Wie ich bereits sagte, ist dieser zivilisatorische Dialog sehr wichtig. Denn
dadurch können wir Xi Jinpings vier Globale Initiativen besser verstehen und
würdigen: Entwicklung, Sicherheit, Zivilisation und Globale Governance. Das ist
von großer Bedeutung. Dank dieser drei Säulen hat die regionale Integration
meiner Meinung nach die Region positiv verändert.
Früher nannte man Südostasien den „asiatischen Balkan“. Heute gibt es diesen
Begriff nicht mehr, weil die Region nicht mehr von ihrer zersplitterten Vielfalt
an Regionen, Ethnien, politischen Systemen, Ideologien usw. geprägt ist. Aus dem
geographischen Fluch ist alles in allem ein geografischer Segen geworden.
Natürlich haben wir alle gemeinsame Probleme und Schwierigkeiten, aber
insgesamt ist es heute eine Region des Friedens, der Entwicklung und des
Wohlstands. Und heute wird dank der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit
und anderer Initiativen allmählich auch in Zentralasien der „geographische Fluch
zum geographischen Segen“. Durch diese Vernetzung zwischen China und Europa über
Zentralasien wird Zentralasien zu einem Knotenpunkt für den Transport und viele
andere Verbindungen.
Freund oder Feind – oder potentieller Freund??
Abschließend möchten wir noch kurz Chinas Rolle als regionale Großmacht für
diese Struktur und für diesen relativen Erfolg erörtern. Ich werde China mit den
Vereinigten Staaten vergleichen. Der entscheidende Unterschied zwischen China
und den Vereinigten Staaten in Bezug auf das staatliche Verhalten und den
philosophischen Rahmen besteht darin, daß China ein Zivilisationsstaat ist. Es
ist die Verschmelzung der ältesten durchgehenden Zivilisation der Welt mit einem
riesigen modernen Staat.
So hat China seine eigenen, lange bestehenden Traditionen. Beispielsweise
machen es sich die Vereinigten Staaten ganz einfach: entweder Freund oder Feind,
Gegner oder Verbündeter. Chinas Einstellung dagegen ist Teil einer viel
längerfristigen Vision: es geht um Freund oder potentiellen Freund. Mit dieser
langfristigen Vision lassen sich viele potentielle Konflikte vermeiden. Selbst
wenn es zu Konflikten kommt, soll man darauf hoffen, daß man am Ende wieder
Freunde wird. Das nennen wir die „Weisheit der Zivilisation“, die wir mit
anderen teilen können. Das ist mein erster Punkt.
Zweitens ist die chinesische Kultur insgesamt sehr inklusiv und
synkretistisch. China hat eine lange Geschichte vieler Probleme, auch Kriege,
aber wir hatten keine oder nur sehr selten Religionskriege. Buddhismus,
Taoismus, Konfuzianismus und andere können friedlich zusammenleben und sich
miteinander vermischen. Das ist etwas ganz Einzigartiges.
Und drittens spiegelt sich diese Tradition auch im Verhalten beispielsweise
Chinas und der Vereinigten Staaten wider. Als China 1964 seinen ersten
Atomwaffentest durchführte, erklärte es sofort, daß es niemals als Erster
Atomwaffen einsetzen und niemals Atomwaffen gegen Nicht-Atommächte einsetzen
würde. Von allen Großmächten hat China die höchste Schwelle für den Einsatz von
Gewalt – diese Tradition geht auf Sun Tzus berühmte Mahnung zur Vorsicht bei
militärischen Aktionen vor zwei Jahrtausenden zurück, und seine Philosophie,
nach Möglichkeit den Feind zu bezwingen, ohne wirklich Krieg zu führen. Mit
dieser Tradition sind wir ein enormer Gewinn für friedliche Lösungen. Doch
natürlich hat China als moderner Staat auch eine starke Verteidigungsfähigkeit
aufgebaut.
Der US-Verteidigungsminister sagte etwa um diese Zeit im letzten Jahr: „Sie
müssen wissen, daß China heute die größte Macht hat. Sie können alle unsere
Flugzeugträger innerhalb von 20 Minuten zerstören.“ Theoretisch würden alle
Flugzeugträger im Südchinesischen Meer, wenn man sie dort versammeln würde,
innerhalb von 20 Minuten versenkt. Wir hoffen aber, daß es niemals zu einer
militärischen Konfrontation zwischen den beiden Supermächten kommen wird.
Wir leben also in einer Zeit des Wandels, die transformative Ideen und Mut
erfordert. In dieser Hinsicht denke ich, daß diese Erkenntnisse aus meiner
kurzen Analyse der Partnerschaft zwischen China und der ASEAN, insbesondere des
„Drei-plus-Eins“-Rahmens, hoffentlich inspirierend sein können für unser
gemeinsames Bestreben, in den kommenden Jahren eine multipolare Weltordnung zum
gegenseitigen Nutzen aufzubauen.
Vielen Dank.
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